Blogwichteln

von am 1. Dezember 2011 in Christa persönlich | Kommentare deaktiviert für Blogwichteln

Eine Liebeserklärung. Von Julia Dombrowski.

Das Internet ist zwar eine Art nützliches Nachschlagewerk, das dem vielbeschäftigten modernen Menschen oft den Gang in die nächste Bibliothek erspart. Aber leider trägt es in erster Linie dazu bei, die Gesellschaft immer unsozialer zu machen: Die Leute hängen nämlich nur noch vor den Bildschirmen ihrer Computer und gehen überhaupt nicht mehr vor die Haustür. Die sozial degenerierten Online-Surfer finden ihre „Freunde“ mittlerweile nur noch auf Facebook – aber das sind lediglich blutleere Kontakte, die einander niemals zu Gesicht bekommen. Das lichtscheue Internetvolk weiß doch gar nicht mehr, was eine echte Freundschaft ist und wie man mit wirklichen Menschen umgeht.

Wer bis zu dieser Stelle zustimmend genickt hat, wäre wohl auch wie Gottlieb Daimler im 19. Jahrhundert der Überzeugung gewesen, Automobile seien nur eine Modeerscheinung. Oder hätte wie der damalige IBM-Chef Thomas J. Watson im Jahr 1943 geglaubt, dass es einen Weltmarkt für höchstens fünf Computer geben wird.

Gestatten: Ich bin eine von jenen. Eine dieser Gestalten, deren Leben maßgeblich vom World Wide Web und seinen Vernetzungen beeinflusst ist. Ein sehr großer Teil meines sozialen Miteinanders findet im Internet statt – und hier folgt meine Beichte. Ein Bekenntnis im Kleid einer persönlichen Liebeserklärung.

Der Grund meiner Anwesenheit in der Textschneiderei, in der ich als Gast schreiben darf, heißt Vernetzung. Christa Goede und ich sind beide Mitglieder in einem beruflichen Online-Netzwerk namens Texttreff. Das ist ein virtueller Treffpunkt professioneller Textarbeiterinnen, an dem sie einander bei Fragen, Problemen, Diskussionsbedarf im Handumdrehen als Gruppe beistehen (oder einander beim Blogwichteln Gastbeiträge schenken, eine hausgemachte Texttreff-Aktion). Ein Netzwerk, in dem Freundschaften geschlossen werden – richtige, echte Beziehungen mit allem Drum und Dran: Besuchen, Vis-à-vis-Kontakten, mit Händeschütteln und Umarmen. Ich habe Freundinnen in Bayern, Hamburg, Berlin und Baden-Württemberg sowie lauter anderen Teilen Deutschlands gefunden, die weit von meinem Heimatort in der Mitte Deutschlands entfernt liegen. Ich hätte die meisten, wenn nicht alle von ihnen ohne Internet vermutlich niemals kennengelernt – und das liegt nicht an meiner zurückhaltenden, schüchternen Art. Das wäre wohl eher dem Umstand anzulasten gewesen, dass sich keine Gelegenheit ergeben hätte, durch die wir uns überregional hätten vernetzen können.

Ich nutze das Internet beruflich überdurchschnittlich viel. Und ich arbeite Tag für Tag in einer äußerst kommunikativen Bürogemeinschaft. Wissen Sie, wo ich die Menschen kennengelernt habe, mit denen ich diese real existierende Gemeinschaft gegründet habe? Bei Twitter, dieser lausbubigen Kommunikationsplattform.

Ganz aktuell bin ich von der Idee „Vernetzung“ besonders begeistert, weil sie mich in diesen Tagen auffallend stark umtreibt: In meiner Heimatstadt Siegen entsteht zurzeit eine sogenannte Givebox. Das ist eine etwas mehr als telefonzellengroße Holzhütte, in der jeder Mensch kostenlos Gegenstände hinterlegen kann, die andere Personen vielleicht noch brauchen. Planung, Organisation und Aufbau: passiert alles ehrenamtlich. Wer einen Gegenstand in der Givebox sieht, der ihm gefällt, darf ihn einfach herausnehmen – ohne jede Gegenleistung. Der virtuelle Ort, an dem dieses Projekt organisiert wird, ist Facebook. Die Möglichkeit, den Bürgermeister der Stadt direkt und ohne Umwege um Unterstützung zu bitten, gab Facebook. Der Raum, in dem einander nicht persönlich bekannte Siegener von der Idee erfahren und spontan tatkräftige Unterstützung anbieten, ist – Facebook. Die Menschen, die eine gemeinsame Idee begeistert, werden sich irgendwann auf der Straße begegnen – spätestens an der frisch errichteten Givebox.

Ja, ich bekenne es: Ich bin bis über beide Ohren verliebt. In die Gelegenheiten, Chancen und Geschenke, die das Internet mir bietet. In die Gemeinschaft der Menschen, die einander dort finden. Und in die friedliche Koexistenz von Beziehungen online und offline. Und außerdem in Christas Gastbeitrag im Textsektor-Blog.

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Vielen Dank an Julia Dombrowski/Textsektor für diesen rund um gelungenen Beitrag, den ich hier posten durfte ;o))