Im Interview – Gaby Travers

von am 25. Juli 2018 in Authentizität, Know-how | Keine Kommentare

„Es ist mitunter nicht einfach, authentisch zu sein.“

Gaby radelt gerne Berge hinaufGaby und ich kennen uns seit 2012 aus einer gemeinsamen Fortbildung in Sachen Social Media – interessanterweise habe ich mit vielen dieser Menschen, die ich in dieser Zeit kennen lernen durfte, bis heute Kontakt über Facebook. An Gaby finde ich ziemlich spannend, dass sie ein Stück weit macht, was sie will: „Diese Fortbildung kriege ich gerade nicht so gebacken? Okay, ich mach sie ein Jahr später. Natürlich erfolgreich!“ „Keinen Bock mehr auf PR als Festangestellte? Okay, ich mache mich selbstständig mit einer Mountainbike-Schule!“ Ich finde, von so viel Mut und Tatkraft können sich einige eine dicke Scheibe abschneiden …

Dazu ist Gaby noch supersportlich: Sie radelt irgendwie andauernd laut Facebook, wenn sie nicht gerade den Jakobsweg entlangwandert oder bei Charityläufen mit rennt. Ich finde das toll! Eines Tages mache ich mal einen ihrer Mountainbike-Kurse mit  – aber bitte nur mit dem eBike. Denn bergauf muss ich ja bekanntlich für zwei radeln ;o)


CG: Authentizität ist ein Modebegriff – viele Unternehmen und Selbstständige schreiben sich Echt sein auf die Fahnen. Welche Bedeutung hat Authentizität für dich und deine Arbeit?

GT: Sowohl für mein Privatleben als auch für meine Arbeit ist es mir wichtig, authentisch zu sein, mich nicht zu verbiegen und Menschen mit all ihren Launen und Macken so zu erleben, wie sie tatsächlich gerade ticken. Ich arbeite mit Menschen und sie sollen mich als Person kennenlernen und so gut wie möglich beurteilen können, ob sie etwas mit mir zu tun haben möchten oder nicht. Die Kursbeschreibungen für meine Mountainbikeschule versuche ich so zu gestalten, dass meine Kunden ein möglichst genaues Bild bekommen. Ich möchte nichts schön reden, was dann live und in Farbe nicht so funktioniert. Ich möchte zufriedene Kunden haben, keine enttäuschten – und das können sie nur dann sein, wenn sie meiner Zielgruppe entsprechen und das Programm, das ich biete, auch erwartet haben.

CG: In einem früheren Leben warst du mal festangestellte PR-Fachfrau – heute leitest du mit happygolucky deine eigene „entspannte Mountainbikeschule“. Das ist eine gewaltige Veränderung. Wie ist es dazu gekommen?

GT: Es gibt mehrere Gründe.
Ich ertrage Chefs einfach nicht mehr. In meinem gesamten Angestelltendasein habe ich nie einen erlebt, der kompetent und menschlich mit seinen Mitarbeitern umgegangen ist. Es gab liebe Chefs, mit denen man fast noch Mitleid haben musste, wenn sie mal eine Entscheidung treffen mussten. Es gab die verantwortungslosen, die mich gerne 60 Stunden pro Woche arbeiten ließen und für meinen Urlaub noch die Idee parat hatten, mich gut zu erholen, aber bitte jeden Tag die E-Mails zu checken. Und es gab die, die mir schlichtweg nicht den Freiraum für eigene Entscheidungen innerhalb meines Arbeitsbereichs gaben.
Außerdem hasse ich nichts mehr als sitzen. Ich bin nicht gerne lange am Schreibtisch. Es macht mich müde – und hungrig ;) Hinzu kommt, dass ich zu meinen Jobs nicht mit dem Fahrrad, sondern mit dem Auto fahren musste. Und das heißt in NRW, sitzend und wartend im Stau zu stehen. Ein unhaltbarer Zustand für einen ungeduldigen Menschen, der sich gerne bewegt. Ich bin schrecklich gerne draußen, dort fühle ich mich wohl, dort kann ich denken, dort kann ich so sein, wie ich bin. Am liebsten im Wald. Gehend, laufend oder radelnd – aber nicht als Wettkampf, sondern entspannt. Da das Radeln im Wald bestimmte Techniken erfordert, um auch auf unwägbaren Wegen sicher und umweltfreundlich unterwegs zu sein, habe ich sie erlernt und gebe sie nun als Guide und Fahrtechniktrainerin mit Freude weiter.
Meinen Schreibtisch habe ich dennoch nicht aufgegeben. Ich schreibe gerne und nehme immer mal wieder PR-Aufträge an. Aber ICH entscheide, wie lange ich dafür in meinem Büro sitze – und im Sommer ist mein Büro im Garten.

CG:  Warum ist es so schwer für uns alle, individuelle Wege zu beschreiten und das zu tun, was uns wirklich ausfüllt?

GT: Ich bin da ganz simpel gestrickt. Mir ist schon bewusst, was mich ausfüllt. Als junge Mutter war es das Familienleben, das mich sehr zufrieden stimmte. Kinder zu erziehen ist eine wertvolle und wunderschöne Aufgabe. Als sie älter waren und mich nicht mehr so viel brauchten, hatte ich eine kurze Phase, in der ich dachte, ich müsste Karriere machen und stand komplett neben mir. Ich sah den Sinn nicht in der Arbeit, die ich tat. Geld allein reicht eben nicht.
Ich weiß, was mich ausfüllt, aber damit lässt sich nicht viel Geld verdienen. In der Natur mit Menschen zu arbeiten, macht mich glücklich. Und für eine Weile werde ich mit meiner Mountainbikeschule einen Weg gehen, der mir gut tut. Irgendwann werde ich wieder etwas anderes machen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass sich immer wieder neue Türen öffnen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich gelernt habe, dass ich die Abwechslung brauche und dass der stetige Wandel zu mir gehört. Früher habe ich mich oft mit anderen verglichen und mich gefragt, warum ich es nicht schaffe, auch mal länger und stetiger an irgendwas dran zu bleiben. Eine sehr negative Sichtweise, die überhaupt nicht weiter hilft, weil es schlichtweg nicht möglich ist, wie „andere“ zu sein. Im Grunde muss man nur auf sich selbst hören und dann klappt es auch mit der Individualität – und mit der Zufriedenheit.
Schon lange spiele ich mit dem Gedanken, ein Buch zuschreiben. Es packt mich immer wieder der Gedanke, dass es sich nicht verkaufen lässt. Wie unglaublich dumm! Wenn mir danach ist, sollte ich es einfach schreiben – und darauf pfeifen, ob es hinterher jemand kauft.

CG: Welche Plattformen benutzt du für deinen unternehmerischen Außenauftritt? Verwendest du dort spezielle Stilmittel?

Manchmal muss sogar Gaby schiebenGT: Meine Mountainbikeschule hat eine Webseite mit einem integrierten Blog und außerdem gibt es den unternehmerischen Auftritt von Happygolucky auf Facebook. Ich schaue, dass die Webseite immer gut gepflegt ist, bediene allerdings den Blog nicht so, wie ich es ursprünglich vorhatte. Es fehlt mir einfach oft die Zeit.
Einen Newsletter schreibe ich unregelmäßig an meine Kunden. Viele der älteren Mountainbiker sind nicht in Facebook und freuen sind tatsächlich darüber, wenn sie die Informationen über den Newsletter bekommen. Die meisten meiner Angebote verbreiten sich allerdings über Facebook. Gerade in der Mountainbikeszene ist es hier sehr trubelig und es gibt diverse Facebookgruppen. Allerdings muss ich da mitunter vorsichtig sein, denn Werbung wird nicht überall gerne gesehen. Tipps aber schon ;)

CG: Nach gängiger Definition resultiert Authentizität aus einem Sieg des Seins über den Schein. Doch für mich als Unternehmerin ist es nicht immer einfach zu entscheiden, wie weit meine Echtheit auf professioneller Ebene gehen darf. Wie erlebst du diese Auseinandersetzung? Hat Authentizität Grenzen?

GT: Je älter ich werde, desto ehrlicher bin ich zu mir selbst und anderen. Wenn mich Menschen nicht so mögen, wie ich bin, so dürfen sie das. Im Privatleben und auch im Arbeitsleben. Ich werde nicht übertrieben freundlich zu Kunden sein, nur damit sie mich buchen. So wie ich bin und so wie meine Angebote sind, können sie mich haben. Da ich in meinen Kursen verantwortungsvolle Arbeit leiste und auch mit meiner Person aufrichtig dabei bin, sind die Feedbacks sehr gut. Sicherlich höre ich mir Wünsche an und verändere meinen Service, damit meine Kunden sich gut aufgehoben fühlen. Aber ich habe definitiv Grenzen. Ich verbiege mich nicht, damit sie meine Angebote buchen. Sehr selten passiert es, dass sich jemand in meinen Kursen unhöflich und rücksichtslos mir oder anderen Teilnehmern gegenüber verhält. Passiert das, spreche ich eine sehr klare Sprache. Ich kann sehr lustig im Job sein und herzlich lachen, aber ich kann auch sehr ernst sein. Diplomatie ist nicht meine Stärke. Ich kann ruhig bleiben, zuhören und reden, aber ich kann auch platzen, wenn es einfach mal reicht. Im Privatleben bin ich sicherlich eine ganze Ecke emotionaler als im Berufsleben. Aber es bereitet mir keine großen Schwierigkeiten, auch bei der Arbeit authentisch zu sein. Ehrlichkeit bedeutet mir sehr viel. Man darf mir die Stimmung, in der ich bin, ruhig ansehen.

CG: Mit Authentizität gehen Begriffe einher wie ….

Gaby liebt auch das WandernGT:
a. Fairness. Man muss nicht mögen, was jemand macht, aber jemand, der authentisch ist, gibt einem die Chance, eine schnelle Entscheidung zu treffen, ob man das, was er macht, mag oder nicht und ob man bleiben oder fern bleiben möchte.
b. Mut. Es ist mitunter nicht einfach, authentisch zu sein. Man muss sich trauen, Dinge, die einem wichtig sind, offen auszusprechen. Damit stößt man nicht immer auf Anerkennung oder Sympathie. Und manchmal macht man andere damit traurig.
c. Dickköpfigkeit. Eine Kindheitserinnerung. Meine Mutter hatte oft Schwierigkeiten mich so zu nehmen, wie ich bin. Und immer, wenn ihr meine hartnäckige Art nicht passte, versuchte sie meinen Willen zu brechen, in dem sie sagte, ich sei dickköpfig und stur. Ich hab es gehasst.

CG: Was glaubst du: Warum wird Authentizität heute besonders geschätzt?

GT: Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Menschen sind immer in Eile. Hier eine Entscheidung, da eine Meinung, kaufen, nicht kaufen – Authentizität spart Zeit. Wenn man sich schnell darüber im klaren ist, was man selbst will, hat man es leichter, und wenn man schnell sieht, wie ein Mensch ist oder was ein Unternehmen ausstrahlt, ist eine Entscheidung schnell getroffen.

CG: Zum Schluss ein Blick in die Kristallkugel: Welche unternehmerischen Strategien werden in den nächsten Jahren Interesse wecken – und zum Beispiel aus Interessierten Käuferinnen und Käufer machen?

GT: Ich bin nicht so gut im unternehmerischen Denken. Ich hoffe, dass Unternehmen in Zukunft in ihrer Außendarstellung ehrlicher werden. Und könnte mir vorstellen, dass die Zielgruppen dadurch vielschichtiger werden. So würden Unternehmer eher das machen, was sie sich wünschen und Interessenten müssten sich nicht länger mit Dingen oder Serviceleistungen zufriedenstellen, die nur annähernd dem entsprechen, was sie tatsächlich wollen.

Gaby TraversIch liebe es, draußen in der Natur zu sein. Wie unglaublich gut mir das tut, habe ich gerade wieder erfahren, als ich einige Wochen wandernd auf dem Jakobsweg in Spanien unterwegs war. Beim Wandern bin ich sehr entspannt, beim Langstreckenlaufen beruhigt mich der gleichmäßige Rhythmus und beim Mountainbiken liebe ich die Konzentration auf schwierigen Untergründen. Für mich selbst war es wichtig, in kleinen Schritten zu lernen, wie ich mein Bike kontrolliert durch das Gelände und mich heile den Trail hinunter bewege. Und so möchte ich es den Teilnehmern meiner Mountainbikeschule Happygolucky weiter geben. „Bremse auf und rollen lassen“ ist nicht meine Strategie. Wer mich bucht, lernt entspannt und angstfrei. Für Kracher, die die Trails hinunter ballern wollen, bin ich nicht die richtige.

Bildquellenangabe: Gaby Travers

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