Nachdenken über Authentizität

von am 5. Februar 2015 in Authentizität, Know-how | 4 Kommentare

 Jippieh, wir sind authentisch! Aber ist das eigentlich immer toll?

KleksWas geht Ihnen bei dieser Frage als erstes durch den Kopf? Vielleicht dieser Satz: „Na klar ist es toll, wenn jemand authentisch ist. Und wenn er das im Job ist, ist das sogar supertoll!“ Schließlich benutzen wir alle den Begriff Authentizität oft in einem Atemzug mit Worten wie Vertrauen, Zuverlässigkeit oder Transparenz. Dabei sagt der Begriff „Authentizität“ eigentlich nichts über die Qualität des authentischen Handelns aus: Menschen können sich auf der einen Seite offen, ehrlich und berechenbar verhalten. Dadurch wirken Menschen sympathisch – wir vertrauen Menschen, die wir als authentisch empfinden, sehr schnell. Doch auf der anderen Seite kann man sich auch wie ein Arschloch verhalten und dabei total authentisch sein – schließlich haben sich solche Menschen genau wie die netten, sympathischen selbst dazu entschieden, sich genau so arschlochhaft zu verhalten, wie sie es tun.

Die Authentizität von Nazis und Serienkillern.

In der Theorie heißt es, dass Menschen authentisch wirken, wenn die innere Einstellung und das äußere Handeln weitgehend identisch sind. Das heißt auf der einen Seite, dass es diese positive Form von Authentizität gibt, an die Sie eingangs gedacht haben. Das heißt aber auch, dass zum Beispiel Nazis authentisch und ganz bei sich selbst sind, wenn sie ihre menschenfeindliche Gesinnung offen auf rechtsextremen Demos oder in den Sozialen Netzwerken zur Schau stellen. Und auch ein Serienkiller lebt nach Meinung der Experten oft in einer sehr speziellen Wertewelt mit eigenen Handlungsfaden, die seine Taten logisch und sogar gerecht erscheinen lässt. Oft haben diese Menschen gleichzeitig eine bürgerliche, unscheinbare Fassade – zwei Gesichter, die es mit der Novelle „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ bis in die Weltliteratur geschafft haben.

Und auch wir nehmen alle im Job und im Privatleben verschiedene Rollen ein, in denen unterschiedliche Charaktereigenschaften gefragt sind: All diese Rollen gehören zu unserer Person und damit zu unserer Authentizität! Wir sind pedantischer Buchhalter, aalglatter Diplomat, kreativer Querdenker, verrücktes Spielkind und berechnender Taktiker – im Idealfall sind wir in jeder dieser Rollen ganz bei uns. Es wird sogar noch komplizierter: Denn wenn Sie jemanden total nett oder ganz grässlich finden, bedeutet das nicht, dass es automatisch allen anderen Menschen auch so geht. Schließlich haben wir alle unsere eigenen Wertesysteme entwickelt, in denen wir andere Menschen verorten und damit unsere Meinung über Personen festlegen – und deshalb ist die Einordnung in „Gefällt mir“ oder „Gefällt mir nicht“ eine individuellen Entscheidung, die bei jedem einzelnen Menschen anders ausfallen kann.

Schwierig, gelle?

Vom höflichen Lügen und wohlwollendem Schweigen.

Und was bedeuten diese authentischen Rollen für unseren beruflichen Alltag? Sollen wir unserem Kunden wirklich zeigen, dass wir Morgenmuffel sind und eigentlich am liebsten vor 9 Uhr morgens schmollend im Bett liegen, statt in diesem Meeting zu sitzen? Oder, dass wir das schmutzige Orange im Logo des Unternehmens scheußlich finden, weil es uns an eine schlimm schmeckende Medizin erinnert, die uns mal verschrieben wurde? Sie denken jetzt: „Nein, natürlich nicht.“ Und das ist auch gut so. Schließlich gehören Empathie und Diplomatie auch zu unserem Verhaltens-Repertoire – genau wie die Fähigkeit, in manchen Momenten einfach mal die Klappe zu halten. Schließlich sollte uns unser Wunsch nach Authentizität und Ehrlichkeit nicht dazu bringen, andere Menschen zu brüskieren oder sogar zu verletzen.

Deshalb kann es für authentisch lebende Menschen durchaus wichtig sein, an den richtigen Stellen zu schweigen oder sogar eine höfliche Lüge auszusprechen! Wir verlieren in diesem Moment weder unsere Authentizität noch unsere Glaubwürdigkeit – schließlich setzt sich unser Echt sein aus ganz vielen einzelnen Rollen zusammen und kann damit einen wohlwollenden Umgang mit bestimmten Situationen leicht verschmerzen. Deshalb plädiere ich an dieser Stelle für die höfliche Lüge und das wohlwollende Schweigen in besonderen Momenten – und zwar sowohl im beruflichen als auch im privaten Leben. Wobei mir persönlich Schweigen schwerer fällt … ;o))

Bildquelle: Pixabay

Christa GoedeDie Autorin Christa Goede steckt viel Herzblut und noch mehr Expertenwissen in digitale Unternehmensauftritte: Mit individuellen Texten und Konzepten gestaltet sie Websites und Social Media-Auftritte authentisch. Ihre Erfahrung und ihr Wissen als Texterin, Konzepterin, Social Media-Managerin und Bloggerin teilt sie hier im Blog oder live in Workshops und Vorträgen.
Tel.: +49 (0) 160 – 94 44 19 34, E-Mail: mail@christagoede.de


4 Kommentare to “Nachdenken über Authentizität”

  1. Vielen Dank für diesen Text! Im Kontext der künstlerischen Profilentwicklung beschäftige ich mich seit einiger Zeit mit dem Thema Authentizität. Dabei ärgern mich die kalenderspruchartigen Vereinfachungen à la „Sei du selbst“ maßlos. Erstens müsste man dafür zurnächst herausfinden, was diese Eigenschaften sind, die dieses „selbst“ definieren, und was, wenn dabei zweitens herauskäme, dass diese Eigenschaften, wie auch in Ihrem Text beschrieben, überhaupt nicht nach gesamtgesellschaftlichem Konsens als „gut“ gelten würden?
    Sei du selbst, aber nur wenn du cool bist?

    • Ja, richtig, der Spruch „Sei du selbst!“ führt nicht wirklich dazu, dass man von jedem und allen gemocht und geliebt wird. Denn auch ein Arschloch kann authentisch sein … ;o))
      Und doch hat Authentizität ganz viel mit Profilschärfung zu tun! Und mal ehrlich: Wer möchte schon von allen Menschen geliebt werden? Mit wem streitet man sich dann? An wem reibt man sich? Meiner Meinung nach ist auch ein gepflegter Streit sehr wichtig für die persönliche Entwicklung.
      Liebe Grüße sendet
      Christa

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