Im Interview – Dr. Elisabeth Heinemann

von am 18. September 2014 in Authentizität, Know-how | 4 Kommentare

„Menschen möchten berührt und unterhalten werden.“

Elisabeth auf der Bühne der TedXDr. Elisabeth Heinemann ist IT-Professorin an der Hochschule Worms, Vortragsrednerin und Kabarettistin. Und sie ist Sängerin in einer Jazzband. Ja, Sie haben richtig gelesen, sie ist alles auf einmal! Elisabeth habe ich auf Facebook kennengelernt – wo auch sonst 😉
Als ich im Januar 2013 das Rhein-Main-Quartier der Digital Media Women gründete, war sie ziemlich schnell mit an Bord und kam bei einem der monatlichen Meet-ups vorbei. Außerdem unterhalten wir uns öfter mal via Facebook-Chat oder telefonieren. Und zwar nicht nur über unsere Arbeit, sondern auch über einen kunterbunten Strauß privater Dinge.
Mit Elisabeth verbindet mich die Leidenschaft, die wir beide für unsere Arbeit empfinden. Und auch das „Rampensau-Gen“. Wobei ich mir von ihrer Ausstrahlung und ihrer Präsenz gerne eine Scheibe abschneiden würde. Ich habe sie als kluge, empathische Frau kennen und mögen gelernt, die Herz hat – und es zeigt. Einfach toll!

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CG: Authentizität wird gerade zu einem Modebegriff – immer mehr Unternehmen schreiben sich Echt sein auf die Fahnen. Welche Bedeutung hat Authentizität für dich und deine Arbeit?

EH: Eine sehr wichtige. Obwohl ich zugeben muss, dass der Begriff für mich mittlerweile sehr abgenutzt ist. Ich empfinde eine große Demut darüber, dass ich mich in meinen drei wichtigen Bereichen, nämlich privat und in Beruf #1 (Hochschullehrerin) ebenso wie in Beruf #2 (Vortragsrednerin und Kabarettistin) nicht verbiegen muss. So wie ich mich dort jeweils gebe, so bin ich auch. Mal zeige ich die eine Facette mehr, mal nehme ich die andere ein wenig zurück. Aber unterm Strich steht da immer dieselbe: ich.

CG: Du bist Professorin an der Hochschule Worms und leitest den Studiengang Mobile Computing. Du warst und bist in verschiedenen Gremien tätig. Du hältst Vorträge. Du machst Kabarett. Und außerdem singst du in einer Jazzband. Hattest du auf deinem Weg dorthin Bedenken, ob und wie diese vielen verschiedenen Rollen zusammen passen?

EH: Bedenken würde ich es nicht nennen, aber irgendetwas auf dem Weg zu dem, was ich heute mache war „unrund“. Ich wusste, ich wollte neben meinem Hauptberuf als Professorin weiterhin Vorträge halten und wie gewohnt als kompetent und humorvoll wahrgenommen werden. Doch irgendetwas fehlte. Und das war die Befriedigung meines „Rampensau-Gens“, das unkonventioneller, verrückter und frecher auf die Bühne wollte. Jetzt kam aber mein innerer Kritiker und gab zu bedenken – ha, ich muss es wohl doch „Bedenken“ nennen –, dass Kabarett ja wohl einer Professorin, die für seriöse Wissensvermittlung steht, nicht angemessen sei. Ich kürze den Weg mal ab … in dem Augenblick, in dem ich die Klammer für Hochschule, Vorträge und Kabarett hatte und mir klar wurde, dass ich eigentlich immer das gleiche Thema bearbeite, nämlich „Digitales Leben“, waren die Bedenken verschwunden. Denn dadurch stand dieses „Trio Infernale“ meiner Fach-Expertise in keinster Weise im Weg. Eher im Gegenteil. Ein  Thema – drei Wege, es zu vermitteln. Und ab da war es für mich rund. Und spannender Weise auch für meine Kunden. Alles drei sind Bereiche, die wunderbar laufen und die mich sehr erfüllen.

CG: Welche Plattformen benutzt du für deinen unternehmerischen Außenauftritt? Verwendest du dort spezielle Stilmittel?

EH: Ich habe natürlich eine eigene Internetpräsenz, die sehr plakativ in die Bereich „Keynote“ und „Kabarett“ getrennt ist, aber unter einem Corporate Design. Dann nutze ich die üblichen Verdächtigen wie Facebook, Twitter und Instagram, wobei ich durchaus auch Privates poste. Bei FB stelle ich gerade um und lenke Fans tatsächlich auf meine Fanpage, um das persönliche Profil zumindest semi-privat zu halten. Mein größtes Stilmittel sind Inhalt und Optik. Ersteres decke ich dadurch ab, dass ich vornehmlich über oder zu digitalen Themen poste. Der optische rote Faden ist tatsächlich ein solcher, denn meine Farben sind Schwarz und Rot. Bei meinen Keynote- und Kabarettauftritten trage ich immer komplett schwarz, außer Lippenstift und Schuhen. Die sind knallrot. Dafür bin ich auch mittlerweile wohl schon bekannt, denn es gibt immer wieder Kontakte in den sozialen Netzwerken, die mich auf die roten High Heels ansprechen. Auf Xing und LinkedIn bin ich übrigens eher als Hochschullehrerin präsent.

CG: Warum ist es so schwer, individuelle Wege zu beschreiten und zu den Facetten seiner Persönlichkeit zu stehen?

EH: Ich glaube, es ist nur dann schwer, wenn man sich selbst nicht zu 100 Prozent klar darüber ist, was denn im Kern die eigene Persönlichkeit ausmacht und welche Facetten diejenigen sind, die man (nach außen) ausleben möchte. Mein Weg ist ja nun wirklich ein sehr individueller, aber es ist meiner. Keiner wird ihn jemals so gehen wie ich ihn gegangen bin und weiterhin gehe. Und einen besseren USP gibt es ja nun wirklich nicht, denn ich bin mit Sicherheit die einzige IT-Professorin im deutschsprachigen Raum, die IT-Kabarett macht. Überdies vermute ich mal, dass das auch noch eine Zeitlang so bleiben wird 😉

CG: Bitte nenne und erkläre drei Begriffe, die du mit Authentizität verbindest.

EH: Meine drei Begriffe sind:
a. Souveränität
b. Empathie
c. Diplomatie
Wenn ich authentisch agiere, dann tue ich das aus meiner Mitte heraus und somit getrieben von viel, wenn nicht maximaler Souveränität. Kommt dann noch Empathie für die im System befindlichen Menschen mit hinzu und diplomatisches Geschick bezüglich der Situation, so dass ich weiß, welche meiner Facetten im Augenblick angebracht sind, dann ist es perfekt. Und das gilt für den privaten Bereich ebenso wie für den beruflichen. Zugegeben. Das klappt nicht immer. Aber je älter ich werde, desto öfter.

CG: Was glaubst du: Warum werden öffentliche Gefühlsausbrüche von Persönlichkeiten heute besonders geschätzt? Der Wutausbruch von Bundesaußenminister Steinmeier hat viel öffentliche Bewunderung erfahren und ist zum echten Youtube-Hit geworden mit mittlerweile mehr als 2,6 Mio. Klicks. 

EH: Ich bin mir gar nicht sicher, ob das tatsächlich ein flächendeckendes Wertschätzen ist oder einfach auch eine Art von Voyeurismus, zumindest bzgl. dessen, was die Youtube-Klicks widerspiegeln. Aber nehmen wir mal an, es ist in erster Linie wohlwollend … Menschen möchten berührt und unterhalten werden. Das gilt für Vorträge heutzutage ja auch. Kein Unternehmen, keine Einzelperson will  mehr einen staubtrockenen Vortrag zum Thema xyz hören und 90 Minuten gelangweilt werden. Fachkompetenz gepaart mit Entertainment, mit Emotionen – das zieht. Und zwar berechtigt, denn mir geht das ja ganz genauso. Herr Steinmeier hat Emotionen erzeugt, in dem er seine eigenen sehr deutlich gezeigt hat. Das kommt an und macht ihn menschlich.

CG: Zum Schluss ein Blick in die Kristallkugel: Welche unternehmerischen Strategien werden in den nächsten Jahren Interesse wecken – und zum Beispiel aus Interessenten Käufer machen?

EH: Da spreche ich jetzt in erster Linie als Informatikern: Interaktion und Transparenz. Die zunehmende Digitalisierung unserer Gesellschaft hat Grenzen in der Kommunikation zwischen Unternehmen und Kunden verschoben, wenn nicht teilweise sogar abgebaut. Nur leider haben das immer noch zu viele Unternehmen nicht verstanden. Produkte, Dienstleistungen und unternehmerisches Handeln per se sind durch das Internet so transparent und vergleichbar geworden wie nie zuvor. Wer als Unternehmen darauf beharrt auf seiner „analogen Insel“ sitzen zu bleiben und weiterhin dem Credo „das haben wir schon immer so gemacht“ folgt, der ist schneller weg vom Fenster als er glaubt. Und das betrifft längst nicht nur Kunden, sondern auch zu gewinnende, kompetente Fachkräfte.

CG: Vielen Dank, Elisabeth! Ich liebe die Art und Weise, wie offen und mit wie viel Leidenschaft du deine vielen verschiedenen Berufung(en) lebst 😉

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Elisabeth HeinemannWir kontrollieren mit einem „Fitnessstudio“ am Handgelenk unsere Schritte und vergleichen mit wildfremden Menschen online unsere Essgewohnheiten. Die Kundenansprache erledigen wir via Facebook und unsere Kinder orten wir per GPS. Und das ist gut so, sagt Prof. Dr. Elisabeth Heinemann und erläutert in ihren Keynotes und Kabarettprogrammen, wie wir uns in einer zunehmend digitalen Gesellschaft souverän zwischen Bits & Bytes behaupten.

Bildquellenangabe: Elisabeth Heinemann

4 Kommentare to “Im Interview – Dr. Elisabeth Heinemann”

  1. Liebe Christa, Liebe Frau Heinemann,
    danke für dieses Interview. Das lässt mich ruhig und gelassen bleiben und bestätigt mich darin, so weiter zu machen, wie bisher. Dass wir alle gut sind, so wie wir sind, freut mich gerade sehr.
    Grüße Birgit

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