Im Interview – Daniela Pucher

von am 4. Dezember 2014 in Authentizität, Know-how | Keine Kommentare

„Wir wollen so sein dürfen und akzeptiert und gemocht werden, wie wir sind. „

Daniela schreibtDie Autorin und Ghostwriterin Daniela Pucher ist auch „Textine“ – das heißt, sie ist genau wie ich Mitglied im besten Netzwerk der Welt, dem Texttreff. Über dieses Forum haben wir uns auch kennengelernt, und uns dann auf einem der tollen Workshop-Wochenenden des TTs real getroffen. Wie lange das her ist? Eine Ewigkeit, scheint mir … genau weiß ich es nicht. Ich weiß aber, dass ich Daniela nicht mehr missen mag: Sie ist eine sehr tiefgründige, optimistische, nachdenkliche, fröhliche Frau, mit der ich zum Beispiel schon viele tolle Gespräche über das menschliche Sein geführt habe.

Außerdem habe ich vor einem Jahr gemeinsam mit ihr und Renate Hermanns von der css-manufaktur Danielas neue, gut gelaunte und sehr moderne Website entwickelt – eine ganz wunderbare österreichisch-deutsche Zusammenarbeit, die via Skype, Mail und Facebook-Chat sehr konkret, präzise und wertschätzend ablief. Ich freue mich also darauf, wenn ich irgendwann wieder in einem Projekt mit Daniela zusammenarbeiten darf. Gern entführe ich sie auch zu einem zweiten Teil meiner individuellen Stadtführung „Frankfurt und seine Abgründe“, wenn sie mal wieder aus Wien vorbei kommt  ;o)

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CG: Authentizität wird gerade zu einem Modebegriff – immer mehr Unternehmen schreiben sich Echt sein auf die Fahnen. Welche Bedeutung hat Authentizität für dich und deine Arbeit?

DP: Ich würde sagen, sie ist täglich auf meinem Radar. Wenn es nicht gerade um meine eigene Authentizität geht, beschäftige ich mich mit der meiner Kunden, um sie im Text abbilden zu können. Ich bin überzeugt, es geht gar nicht ohne, speziell für uns Ein-Personen-Unternehmen:

1. Sie spart Kraft. Wenn ich einen Job hätte, der nicht zu hundert Prozent zu meiner Persönlichkeit passt, der also nicht meinen Talenten und Vorlieben entspricht, dann könnte ich nicht wirklich erfolgreich sein. Oder ich müsste übermäßig viel Kraft aufwenden, um den gewünschten Erfolg zu haben, viel mehr Kraft jedenfalls, als wenn ich meinen Begabungen entsprechend agieren kann.
2. Sie ist vertrauensbildend, also gut fürs Marketing. Ich glaube, es ist ein uraltes, grundsätzliches Bedürfnis von Menschen, jemand anderen so kennenzulernen, wie er wirklich ist, und nicht, wie er vorgibt zu sein. Wir wollen wissen, wie wir mit jemandem dran sind, was das für ein Mensch ist, damit wir einschätzen können, ob wir mit ihm Geschäfte machen oder nicht. Das hat etwas mit Vertrauen zu tun. Wenn wir dahinterkommen, dass jemand anders ist, als er uns weismachen will, sind wir skeptisch. Es kann kein Vertrauen bestehen – und ohne das lassen sich Projekte nicht gut abschließen. Ich denke da z. B. an Menschen, die vorgeben, super Netzwerker zu sein und tolle Kontakte zu haben – und man verlässt sich darauf, doch dann stellt sich heraus, dass die tollen Kontakte diesen Menschen gar nicht kennen. Das ist nicht sehr hilfreich für eine Geschäftsbeziehung.
3. Sie macht das Leben schöner und erfüllter. Ebenso glaube ich, dass Menschen sich gern selbst gut kennen wollen. Wir wollen so sein dürfen und akzeptiert und gemocht werden, wie wir sind. Wir wollen nicht von anderen Menschen oder einem System verbogen werden und in unseren Auffassungen manipuliert. Ich finde, es lebt sich besser, wenn ich ich sein darf, und ich habe auch mehr Freude an meiner Arbeit.

Meine Erfahrung ist: Wenn ich genau weiß, was ich will, und dementsprechend authentisch handle und kommuniziere, dann werde ich am Markt viel besser wahrgenommen. Wäre jeder Selbstständige zu 100 Prozent authentisch, bräuchte sich niemand wegen Alleinstellungsmerkmalen den Kopf zerbrechen. Weil wir die dann ganz automatisch hätten. 😉

Flying BookCG: Welche Plattformen benutzt du für deinen unternehmerischen Außenauftritt? Verwendest du dort spezielle Stilmittel?

DP: Am authentischsten bewege ich mich auf meiner Website und auf Facebook. Mit meinem Blog bin ich noch nicht ganz zufrieden, ich arbeite gerade dran, mehr über „meine“ Anliegen zu schreiben und nicht immer nur daran zu denken, was meine Leserinnen und Leser interessiert. Das ist natürlich auch wichtig, aber es geht schließlich um eine Verknüpfung beider Ansprüche: Über Themen zu bloggen, die mich bewegen, UND damit gleichzeitig meine Kunden zu bewegen.

CG: Du bist bist Texterin, Autorin und Ghostwriterin. Gerade das Ghostwriting stelle ich mir sehr spannend, aber auch schwierig vor – denn du schlüpfst in die Haut eines anderen. Wie läuft es hier in Sachen Authentizität?  

DP: Da sprichst du ein interessantes Thema an, und zwar in zweierlei Hinsicht:
1. Wie kann der Text eines Autors authentisch sein, wenn er ihn nicht selbst geschrieben hat?
2. Wie kann ein Ghostwriter seine Authentizität zeigen, wenn er ständig in die Schuhe eines anderen schlüpft? 😉
Nun, Ersteres ist eine Sache des Talents und des Profiwerkzeugs. Nicht jeder ist für diesen Beruf geeignet (und gewillt!). Es erfordert, dass man sich gern und ausführlich mit dem Denken und Fühlen eines anderen Menschen beschäftigt und eigene Meinungen zurückstellt.

Damit die Authentizität des Autors oder der Autorin im Manuskript gut sichtbar wird, achte ich im Wesentlichen speziell auf drei Dinge: Welche Farbe hat die Brille, durch die der Autor sein Thema betrachtet? Welche Sprache spricht er, was ist typisch für seinen Ausdruck? Was für ein Typ ist er – ernsthaft oder humorvoll, sachlich oder in Geschichten schwelgend? Aus diesen Informationen baue ich ein Manuskript, das zum Autor passt.
Meine Authentizität bleibt beim Ghostwriting im Hintergrund. Wobei: Ich schreibe nicht über jedes Thema. Und ich schreibe nicht für jede Person. So gesehen ergibt sich meine Authentizität aus der Wahl meiner Aufträge. Ich bin Betriebswirtin und bin versiert in Psychologie. Wer andere Themen bearbeitet, passt nicht zu mir und ich nicht zu ihm. Ich lege Wert auf persönlichen Kontakt mit meinen Auftraggebern und stelle viele Fragen, die auch abseits des Sachthemas liegen. Wer das nicht mag, der wird auch nicht mein Kunde sein wollen. Und da sind wir wieder bei einem großen Vorteil, authentisch zu sein: Topf und Deckel finden leichter zueinander, wenn jeder weiß, was ihm wichtig ist und wofür er steht.

CG: Was glaubst du: Warum ist es so schwer, individuelle Wege zu beschreiten und zu den Facetten seiner Persönlichkeit zu stehen?

DP: Mir scheint, die Schwierigkeit beginnt schon damit, dass nicht alle Menschen sich selbst gut kennen. Ich habe früher Coaching und Workshops zur Potenzialerkennung angeboten und erinnere mich zum Beispiel an eine Frau, die super Sensoren dafür haben, was andere wünschen und können – aber die Sensoren für das eigene Potenzial waren verkümmert. Oder eine Frau, die vom Elternhaus in einen Job gedrängt wurde. Sie wendete viel Energie auf, um in einem Metier erfolgreich zu sein, das gar nicht ihren Talenten entsprach. Aber weil sie nie jemand nach ihren Talenten gefragt hat, zuckte sie anfangs hilflos mit den Schultern. Es braucht ein Maß an Selbstreflexion, um Zugang zu sich selbst zu bekommen, und manchmal ist das ein ganz schön anstrengender Weg.

Was vielleicht auch ein Punkt ist: In jeder Situation stehen wir in einem Spannungsfeld. Bei einem Akquisegespräch zum Beispiel zwischen „ich will den Auftrag bekommen“ und „ich will so sein, wie ich bin“. Manchmal ist das kein Problem, weil die Chemie stimmt. Wenn nicht, muss ich mich entscheiden: Wie sehr möchte ich mich an den Kunden anpassen? Wie weit kann ich gehen, ohne mir selbst untreu zu werden? Früher, als ich Inhouse-Schreibseminare anbot, machte ich diesbezüglich viel Erfahrung. Ich stellte fest, dass ich mich manchmal nicht wohlfühlte und manchmal schon, und dass das interessanterweise auch damit zu tun hatte, wie ich mich kleidete. Bei den Firmen, wo ich mich so kleidete, wie es meinem Stil entsprach, war alles gut. Wenn ich mich „verkleiden“ musste, ging es mir nicht so gut. Ich muss wohl nicht sagen, bei welchen Seminaren ich die besseren Feedbacks bekam, oder? Ich hab dann meine persönliche Kleiderregel aufgestellt: Wenn du für einen Kunden kein passendes Kleidungsstück im Schrank hast, dann lass es lieber bleiben. Könnte sein, dass ihr nicht zueinander passt. Die halte ich bis heute bei jedem Kundengespräch ein.

Noch ein Grund fällt mir ein, weshalb es so schwer sein könnte, seine Buntheit zu zeigen: So gut unser Lebensstandard hierzulande auch ist, so fühlen wir viel Unsicherheit. Man kann sich nicht mehr drauf verlassen, dass man im nächsten Monat auch noch Aufträge hat. Das Ersparte auf der Bank wird auch immer weniger wert. Ich denke, es ist ein natürlicher Reflex, sich bei Unsicherheit unauffälliger zu verhalten, um nur ja nicht unangenehm aufzufallen. Dass das ein Schuss ins eigene Knie sein kann, ist klar.

CG: Nach gängiger Definition resultiert  Authentizität aus einem Sieg des Seins über den Schein. Doch für mich als Unternehmerin ist es nicht immer einfach zu entscheiden, wie weit meine Echtheit auf professioneller Ebene gehen darf. Wie erlebst du diese Auseinandersetzung? Hat Authentizität Grenzen?

DP: Ja, das ist eine gute Frage. Ich habe mich vor vielen Jahren mal mit einer Wirtschaftscoach darüber unterhalten und sie meinte, im Business geht es nicht um Authentizität, sondern um Glaubwürdigkeit. Und sie meinte das in dem Sinn, als wäre Authentizität zu viel der Ehrlichkeit, die man weder Kollegen noch Geschäftspartnern zumuten könne.

Ich denke, man muss differenzieren. Ich werde nicht jedem Kunden meine ganze Krankheitsgeschichte erzählen, wenn er mal mitbekommt, dass ich für einen Tag ausfalle. Aber ich werde auch keine Ausrede suchen und ihm erzählen, dass ich – was weiß ich – zu einem Begräbnis muss, nur weil ich glaube, dass das besser akzeptiert wird. Es mag sein, dass manche Kunden nur gesunde, fröhlich hopsende Schreiberinnen beauftragen. Aber da spiele ich einfach nicht mit. Ich finde, ich darf auch mal schlecht drauf sein. Punkt. Ich habe auf die Art schon viel Nähe und Loyalität erfahren, gerade weil ich ehrlich war. Und was kann man sich besseres wünschen als loyale Beziehungen?

CG: Mit Authentizität gehen Begriffe einher wie ….

DP: a. Vielfalt. Wie ich schon sagte: Wäre jeder Mensch zu 100 Prozent authentisch, gäbe es so viele Alleinstellungsmerkmale wie Menschen auf der Welt. Ganz schön bunt, oder? Ich bin froh, dass es bunte Menschen gibt. Es wäre doch langweilig, wenn alle gleich wären, weil sie die Mehrheit nachahmen, um ja nicht aufzufallen.
b. Glaubwürdiges Marketing. Ich bin überzeugt, dass authentisches Marketing nicht nur glaubwürdiger ist, sondern auch viel weniger aufwändig und anstrengend ist – siehe nächster Punkt.
c. Leichtigkeit. Wenn ich so sein darf, wie ich bin, muss ich mich nicht verstellen. Verstellen ist anstrengend. Im Marketing würde das z. B. bedeuten, dass ich mir mit viel Krampf schmissige Texte aus den Fingern saugen müsste. Wenn sie aus dem Bauch heraus kommen, fließen sie leichter aufs Papier!

CG: Was glaubst du: Warum werden öffentliche Gefühlsausbrüche von Persönlichkeiten heute besonders geschätzt? Der Wutausbruch von  Bundesaußenminister Steinmeier at viel öffentliche Bewunderung erfahren und  ist zum echten Youtube-Hit geworden mit mittlerweile mehr als 2,6 Mio. Klicks.

DP: Ich habe das hier in Wien gar nicht so mitbekommen. Toll! Unsere österreichische Parade-Gerichts-Psychiaterin Heidi Kastner hat ganz aktuell ein Buch herausgebracht mit dem Titel „Wut. Plädoyer für ein verpöntes Gefühl“. Sie sagt, Wut ist ein gesundes Ventil, das Energien in die richtigen Bahnen lenkt, sodass sich etwas weiterentwickeln kann – wenn man mit ihr richtig umgehen kann. Sie sagt auch, dass es in unserer Gesellschaft geächtet ist, wütend zu sein, daher unterdrücken wir sie – und lernen nicht, sie richtig zu kanalisieren. Schlimmstenfalls staut sie sich auf und explodiert und richtet dann Schaden an.

Vielleicht ist es das, was hinter der Bewunderung gegenüber Steinmeier steht: Man spürt instinktiv, wie gesund das ist. Und außerdem tut er etwas, was sich viele nicht trauen, und da schwingt so etwas wie Dankbarkeit mit.

CG: Liebe Daniela, vielen Dank für deine komplexen Gedanken und die spannenden Einblicke in die Arbeitswelt einer Ghostwriterin!

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Portrait Daniela PucherDaniela Pucher ist Autorin und Ghostwriter für Wirtschaft und Psychologie, und das ist nach langer Suche das, was sie seit etwa zehn Jahren wirklich, wirklich gerne macht. Der Job, in dem sie ganz authentisch sein kann. Was nicht heißt, dass Authentizität nicht auch herausfordernd für sie ist. Wenn sie nicht gerade ein Buch ghostet, schreibt sie für sich selbst. Aktuell ein Sachbuch, das nächstes Jahr erscheinen wird, und natürlich unregelmäßig, aber sehr gerne in ihrem Blog.

Bildquellenangabe: Daniela Pucher, Fotografin Renée del Missier

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