Im Interview – Lola Bolze

von am 14. April 2016 in Authentizität, Know-how | Keine Kommentare

„Man muss selbst überzeugt sein von dem, was man tut.“

Lola Bolze - Foto Matthias Rimann

Lola Bolze – Foto Matthias Rimann

Vor etwa 2 Jahren klingelte mein Telefon im Büro: Lola suchte jemanden, der sie bei der Überarbeitung ihrer bis dahin etwas chaotischen Website unterstützt. Gemeinsam haben wir dann eine neue Struktur entwickelt und die teilweise Texte angepasst und im Stil vereinheitlicht. In dieser Zeit hatten wir beide viel Spaß miteinander, denn wir konnten uns vom ersten Telefonat an sehr gut leiden 😉

Und auch heute haben wir regelmäßig über Facebook Kontakt: Ich beobachte aus der Ferne ihren wachsenden Erfolg und bewundere die Beharrlichkeit, mit der Lola ihren Lebenstraum verwirklicht: Ein Leben als Künstlerin, in dem sie sich mit viel Stimme und Temperament auslebt – und dafür so gut bezahlt wird, dass sie davon leben kann. Ich hoffe, dass ich sie eines Tages mal bei einem Auftritt live und in Farbe bewundern darf – die Youtube-Videos von ihren Auftritten kenne ich natürlich alle schon!


CG: Authentizität ist derzeit ein Modebegriff – immer mehr Unternehmen und Personen schreiben sich Echt sein auf die Fahnen. Welche Bedeutung hat Authentizität für dich?

LB: Simpel, einfach, ehrlich, primitiv. Was raus fließt, wenn man sich nicht verbiegt. Es kann wunderschön, sein aber auch sehr hart – eben ehrlich.

CG: Lola, du bist eigentlich Bürokauffrau von Beruf. Doch vor 5 Jahren hast du dich entschlossen, deinen Traum zu leben und bist Sängerin geworden! Heute tourst du als Berliner Portiersche Lola zusammen mit Jorge, dem argentinischen Pianisten, durch ganz Deutschland. War es sehr schwer, vom klassischen bürgerlichen Leben Abschied zu nehmen und das PianLola Chansontheater verwirklichen? Hast du vielleicht sogar Tipps für alle, die davon träumen, endlich ihren Traum vom künstlerischen Beruf zu leben?

LB: Nach dem ich viele Jahre bei Woolworth als Verkäuferin gearbeitet hab, habe ich aus gesundheitlichen Gründen eine Umschulung gemacht. Zunächst habe ich auch schnell eine Arbeit gefunden, aber als die Firma dann leider Pleite ging, wurde es immer schwerer. Als Nächstes habe ich dann eine Weiterbildung im Bereich Event-Management gemacht – da war es noch schwerer, mit Ü40 einen Job zu finden, wenn gefühlt tausend 20-Jährige „fast für umsonst“ arbeiten.

Zu dieser arbeitslosen Zeit habe ich angefangen, in einer Band zu singen. Und dann ging alles ganz schnell: Nach meinem 1. Auftritt in der Musikschule war schnell klar: Diese Berliner Lieder liegen mir. In diesem Zusammenhang hörte ich immer wieder das Wort „authentisch“ von den Zuschauern. Also hab ich mich auf die Suchen nach einem Pianisten gemacht. Aber das ist eine andere Geschichte (mehr dazu findet man auf unserer Homepage o;)

In der Zwischenzeit habe ich rausgefunden, dass man Dinge, die man wirklich gut kann, oft gar nicht bemerkt, weil sie so normal sind. Bei mir waren es Dinge wie: organisieren und Prioritäten setzen können oder auch sich gut Liedtexte merken können. Das schreib ich hier einfach so runter … nee, nee, es hat ne ganze Weile gedauert, bis ich das alles rausgefunden habe. Diese Fähigkeiten sind ganz schön gewitzt dabei, sich zu verstecken – ich finde heute manchmal noch welche 😉 Und dann habe ich noch die Rampensau in mir aufgespürt, die man natürlich braucht, wenn man auf der Bühne steht.

Lola und Jorge in Action - Foto Joachim Dette

Lola und Jorge in Action – Foto Joachim Dette

Der Übergang vom bürgerlichen Leben war nicht schwer oder vielleicht hab ich ihn gar nicht gemacht – denn wenn man als Künstler erfolgreich sein will, muss man auch Büroarbeit machen. Der eigentliche Job unterscheidet sich nicht so sehr von meinem erlernten Beruf. Dass ich aus meinen eigenen Ressourcen schöpfe, heißt aber nicht, dass ich mich nicht weiterbilde: Ich nehme zum Beispiel seit vielen Jahren Gesangs-, Tanz und Theaterunterricht. Ein Tipp für einen solchen Lebensweg: In sich reinhören und versteckten Fähigkeiten aufspüren und dann … nicht quatschen, machen!

CG: Welche Plattformen benutzt du für deinen Außenauftritt? Verwendest du dort spezielle Stilmittel?

LB: Hauptsächlich unsere Website, Facebook, Youtube, verschiedene Künstler-Portale im Netz, Kulturkalender und Kiez-Zeitungen. Sehr wichtig ist aber auch der Presseverteiler. Doch leider ist es so, dass die Leute oft erst überzeugt sind, wenn sie Künstler aus Presse, Funk und Fernsehen kennen. Ich schreibe immer frei Schnauze und so ist überall Lola drin, wo Lola draufsteht!

CG: Was glaubst du: Warum ist es für manche Menschen so schwer, individuelle Wege zu beschreiten und zu den Facetten ihrer Persönlichkeit zu stehen? 

Die Berliner Portiersche - Foto Wolfgang Beier

Die Berliner Portiersche – Foto Wolfgang Beier

LB: Funk und Fernsehen schreiben uns vor, wie wir zu sein haben: Vorbilder sind schlank, schick, glücklich, zufrieden. Allen geht es gut. Doch diese Menschen sehen alle nur toll aus, weil sie in einem bestimmten Licht gezeigt werden. Statt zu sagen: Diese schlanken Frauen in den Magazinen sind eigentlich noch Kinder und in ein paar Jahren sehen sie auch nicht mehr so aus“, versuchen wir diesem Schönheitsideal nachzueifern. Individualität und Persönlichkeit bleiben da auf der Strecke. Und dann kommt auf einmal so eine Person wie z. B. Adele daher: Sie ist mollig, steht barfuß auf die Bühne, ist total natürlich – und alle lieben sie, komisch?!

Es gehört viel Mut und Selbstbewusstsein dazu, individuelle Wege zu gehen. Am Anfang muss man so manche Durststrecke durchstehen – dann braucht man gute Freunde und Unterstützer, eben Personen, die an einen glauben. Und man muss selbst überzeugt sein von dem, was man tut.

CG: Nach gängiger Definition resultiert Authentizität aus einem Sieg des Seins über den Schein. Doch für mich als Unternehmerin ist es nicht immer einfach zu entscheiden, wie weit meine Echtheit auf professioneller Ebene gehen darf. Wie erlebst du diese Auseinandersetzung? Hat Authentizität Grenzen?

LB: Ja, das ist manchmal schwierig. Wenn ich z. B. ein Theater anrufe und sage: „Guten Tag, ich bin Lola Bolze und würde gern mit meinem Pianisten mal in Ihrem Theater auftreten“, denke ich manchmal, vielleicht sollte ich besser sagen: „Guten Tag, ich rufe von der Agentur blablub an und biete Ihnen das Duo PianLola an.“ Das wäre sicher manchmal hilfreich, denn manche Theater arbeiten nur mit Agenturen zusammen. Aber im Endeffekt entscheide ich mich dagegen, weil Ehrlichkeit mit das Wichtigste im Leben ist!

CG: Mit Authentizität gehen Begriffe einher wie …

LB: a. Ehrlichkeit: Was auch bedeutet, offen zuzugeben, dass man manchmal eigentlich nicht wirklich berührt ist, wenn irgendwas ganz Schreckliches irgendwo auf der Welt passiert. Oder auf die Frage „wie geht’s?“ antworten kann mit „Geh mir doch weg mit dem Scheiß, mir geht es beschissen“. Aber auch ehrlich in sich zu spüren, wie toll jemand anders ist UND es auch zu sagen – und dann zu spüren, dass es mehr wird, denn eine solche Aussage mindert Schönheit nicht, sondern mehrt sie 😉
b. Transparenz: Wenn ich mich immer verstelle und verstecke, wird mich niemand finden. Am wenigsten ich selbst.
c. Natürlichkeit: Wenn ich Dinge tue, dir mir liegen, fließt alles.

CG: Was glaubst du: Warum werden öffentliche Gefühlsausbrüche von Persönlichkeiten heute besonders geschätzt? Der Wutausbruch von Bundesaußenminister Steinmeier at viel öffentliche Bewunderung erfahren und ist zum echten Youtube-Hit geworden mit mittlerweile mehr als 2,6 Mio. Klicks.

Die Berlinerin und der Argentinier - Foto Herbert Burmeister

Die Berlinerin und der Argentinier – Foto Herbert Burmeister

LB: Wir leben zwar in der Demokratie – das heißt ja eigentlich, dass jeder seine Meinung frei äußern darf. Aber weil wir alle nach Anerkennung suchen und gern von allen geliebt werden wollen, verzichten wir manchmal darauf, wirklich unsere Meinung zu sagen. Es ist unbequem und es gehört viel Selbstbewusstsein dazu, gegen den Strom zu schwimmen. Und weil viele sich selbst nicht trauen, finden wir es besonders toll, wenn andere es endlich für uns tun. Doch leider gehört auch immer Sensationslust dazu – denn wir alle sehen gerne Köpfe rollen.

CG: Zum Schluss ein Blick in die Kristallkugel: Welche unternehmerischen Strategien werden in den nächsten Jahren Interesse wecken – und zum Beispiel mehr Menschen zu euren Auftritten locken?

LB: Ich denke, dass Social Media noch wichtiger wird, denn immer mehr Menschen aller Altersgruppen gehen online. Kaum noch einer schaltet noch den PC an, weil alle Smartphones haben. Wir Unternehmer müssen es dem Verbraucher immer leichter machen: Gefragt sind Fotos, Videos, kurze Statements und Emotionen. Doch nach wie vor bleibt auch der persönliche Kontakt sehr wichtig.

CG: Danke, Lola, für diese offenen, spannenden Antworten 😉


Lola lasziv - Foto Herbert BurmeisterIch bin Lola Bolze: 2010 habe ich mit 45 Jahren angefangen, Berliner Kabarettlieder zu singen. Nun stehe ich fast jedes Wochenende mit meinen Pianisten auf der Bühne und unterhalte die Menschen. Die meiste Zeit sitze ich allerdings vor dem PC und vermarkte unser Projekt. Klar hab ich manchmal keine Lust auf Akquise oder darauf, schon wieder Rechnungen sortieren zu müssen – aber die meiste Zeit gefällt mir meine Arbeit. Ich genieße es, nach der Vorstellung in die lächelnden Gesichter zu sehen. Das ist wundervoll!

Bildquellenangabe Teaserbild: Herbert Burmeister, alle weiteren Bilder siehe Bildunterschrift

Trackbacks/Pingbacks

  1. geekchicks.de » geekchicks am 14.04.2016 - wir aggregieren die weibliche seite der blogosphäre - […] Im Interview – Lola Bolze Christa Goede (@ChristaGoede) in Christa Goede: „Man muss selbst überzeugt sein von dem, was…

einen Kommentar senden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *