Mehrsprachigkeit

von am 17. Juli 2013 in Christa persönlich, Know-how, Text | 24 Kommentare

Wir alle sprechen mehrere Sprachen. Wirklich.

Ja, wir alle sind mehrsprachig. Und wir sind sogar mehrsprachig aufgewachsen. Glauben Sie nicht? Dann beweise ich es Ihnen. Und zwar der Reihe nach:

Sprache 1: die Muttersprache – die erste Sprache, die wir lernen

zwei Strichmännchen unterhalten sich

Diese Sprache lernen wir von unseren Eltern – unsere ersten Worte sagen wir in unserer Muttersprache. Aber auch innerhalb eines Landes sprechen oft nicht alle Menschen die gleiche Muttersprache: In Schleswig-Holstein leben zum Beispiel Menschen, die Dänisch als Muttersprache haben. Und in Sachsen leben die Sorben, die eine Sprache sprechen, die mit dem Tschechischen oder Polnischen verwandt ist. Darüber hinaus gibt es viele Dialekte, die für Menschen aus anderen Regionen nicht oder nur sehr schwer verständlich sind: Bayerisch verstehe ich als „etwas ähnliches wie Hochdeutsch sprechende Hessin“ nicht – genau wie Plattdeutsch. Viele Menschen können aber blitzschnell hin und her wechseln zwischen Dialekt und Hochdeutsch. Ein Glück für Menschen wie mich ;o))

Sprache 2: die Szenesprache – Code und Gemeinschaftsgefühl

Szenesprache ist etwas, mit dem die meisten von uns aufwachsen – wir sprechen in unserer Bezugsgruppe eine eigene Sprache, die Menschen, die nicht Teil dieser Gruppe sind, nicht auf Anhieb verstehen. Wir grenzen uns also mit voller Absicht von anderen ab, wenn wir diese Form der Sprache verwenden. Und wir werden mit voller Absicht ausgegrenzt, wenn andere ihre eigenen Sprachcodes verwenden. Dazu kommt noch, dass sich Szenesprache sehr schnell verändert: Kinder der 1960er Jahre finden zum Beispiel, dass etwas „fetzt“, wenn sie es toll finden. Kinder der 1970er (wie ich) finden alles „geil“. Und heute ist alles „yolo“. Zugegen, als Teil der Ü40-Bezugsgruppe dauerte es ziemlich lang, bis dieses Wort bei mir ankam … ach, Sie wissen auch nicht, was das bedeutet? Die Übersetzung finden Sie hier. Und eine tolle Sammlung von typischen Jugendbegriffen pflegt Jakob Hein auf seiner Website unter der Rubrik „Pardauz„.

Sprache 3: die Fremdsprache(n) – schnell gelernt, schnell vergessen

Die meisten von uns haben ab der 5. Klasse in mindestens eine Fremdsprache reinschnuppern dürfen: Ich lernte Englisch und Latein. In diesen jungen Jahren fiel es mir leicht, eine neue Sprache zu lernen: Englisch konnte ich mal gut, als ich noch jede Ferien in Great Britain war und meine sprachlichen Fähigkeiten trainiert habe. Heute spreche ich nur noch rudimentär Englisch, denn ich habe einfach keine Praxis. Das finde ich sehr schade, aber es beweist, dass man eine Sprache, die man mal gelernt hat, wieder verlernen kann: Man vergisst Vokabeln, wird holperig im Satzbau und verlernt das Gespür für die richtige Tonalität. Und gerade das Gefühl für die Sprachfärbung ist das, was am längsten dauert, wenn man eine neue Sprache lernt. Vom Sinn und Unsinn ein großes Latinum zu besitzen möchte ich hier lieber nicht schreiben …

Sprache 4: das Bildungsdeutsch – Festschreibung von oben und unten

Schon zu meiner Studienzeit an der Uni Frankfurt im Fachbereich Politische Wissenschaften habe ich Wissenschaftsdeutsch als ausgrenzend empfunden: Mich beschlich öfter das Gefühl, dass es bei wissenschaftlichen Texten nicht vorrangig darum ging, Inhalte zu erklären und zu vermitteln. Im Gegenteil: Es ging darum, die Inhalte in möglichst viele Nebensätze und kryptische Formulierungen zu verpacken. Manche meiner Kommilitonen entwickelten daraus regelrechte Wettkämpfe: Wer schafft es, einen Satz über mindestens eine A4-Seite laufen zu lassen? Da gab es dann haufenweise aufgeblähte Phrasen, komplizierte Satzstrukturen und die viel geliebten Passivkonstrukte. Ja, manchmal geht es nicht anders – nämlich genau dann, wenn es bei der Analyse auf allerfeinste Unterschiede ankommt. Doch oft hat eine exakte Beschäftigung mit dem Text ergeben, dass der Autor die Inhalte durchaus in eine klare, übersichtlich strukturierte Sprache verpacken könnte – wenn er denn gewollt hätte ;o)) Aber manche meiner Mitstudenten waren wohl  so schwer verliebt in den „wissenschaftlichen Klang“ ihrer Texte, dass die ursprüngliche Aufgabe der Wissenschaft in den Hintergrund rückte. Es ging nicht mehr um die Erklärung, sondern um die Show.

Sprache 5: der Branchensprech  – unser täglicher Begleiter im Arbeitsleben

Jede Branche hat ihre eigenen Ansprüche. Und auch ihre eigene Sprache. Eine Sprache, in der typische Arbeiten oder Gedankengänge beschrieben werden. In der man sich den Kollegen mitteilt. Typische Beispiele von Branchensprech, die ich selbst sage: Wir brauchen mehr Engaged Users, um die Viralität der Fanpage zu steigern.“, „Der Teaser der Startseite eignet sich auch als Widget im Blog.“ oder „Die Analyticsauswertung der letzten drei Monate liegt in der Cloud.“ Grässlich, oder? Deswegen bemühe ich mich, meine beruflichen Themen zu übersetzen und an den Stellen, an denen das nicht funktioniert, weil es einfach keine Übersetzung gibt, erkläre ich detailreich die Zusammenhänge.
Mensch und ParagraphEine Berufsgruppe, die den Branchensprech geradezu zelebriert, sind die Anwälte: Klar, Anwälte brauchen eine scharfe, eindeutige Sprache. Sie müssen Argumentationsketten aufbauen, um zum Beispiel ihre Mandaten verteidigen oder Verträge aushandeln zu können. Aber gleichzeitig sorgt Anwaltsdeutsch dafür, dass weite Teile der Bevölkerung nicht mehr verstehen, was ein Anwalt schreibt oder sagt. Damit wächst die Distanz zwischen Anwalt und Klient – es ergeben sich eventuell sogar Situationen, aus denen Misstrauen erwächst. Warum also sollte ein Anwalt nicht „zweisprachig“ sein? Er könnte seine Schriftsätze – dann, wenn es wirklich sein muss – in Anwaltsdeutsch verfassen, aber die Inhalte gleichzeitig für seine Mandanten übersetzen.

Ich finde es faszinierend, in wie vielen verschiedenen Sprachwelten sich jeder von uns jeden Tag ganz selbstverständlich bewegt. Und wie schnell wir zwischen den Sprachen hin und her wechseln können: Da haben wir eben noch mit der Freundin locker über das Wochenende geplaudert und schon diskutieren wir im nächsten Gespräch im Fachjargon über berufliche Inhalte. Übrigens: Es gibt auch Menschen, die vermuten, dass Frauen und Männer andere Sprachen sprechen ;o)) Aber dieses Thema würde in diesem Blogbeitrag zu weit führen …

Und Sie?

Welche Sprachen sprechen Sie? Im Alltag, im Beruf, im Urlaub? Ich bin gespannt auf Ihre Ergänzungen!

Bildquellenangabe: Pixabay

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24 Kommentare to “Mehrsprachigkeit”

      • Mein erster Blog-Kommentar: Ich spreche fast 7 Sprachen, wobei ich feststelle , dass die neuerlernte Sprache sich wie eine Schublade über die andere legt. Wenn ich z B ein span. Wort suche, dann faellt mir immer das zuvor gelernte ital. Wort dazu ein, und wenn ich ital. spreche und ein Wort suche, kommt immer das kroatische daher. Sehr verwirrend. Manchmal muss ich dann ganz still sein und mir den Schalter im Kopf umlegen, damit ich weitersprechen kann. Mandarin spreche ich aber nur soviel, dass ich mit den Taxi-Fahrern diskutieren kann. Aber in Dialekten bin ich ganz schlecht, sprech hochdeutsch aus Hamburg und wenn meine Kinder mich aergern wollten früher in der Grundschulzeit, dann babbelten sie mit mir hessisch. Das hat mich fuchsteufelswild gemacht.

    • Frauen & Männer sprechen definitiv verschiedene Sprachen. Zumindest semantisch betrachtet, denn ein und dasselbe Wort hat bei Frau fast immer eine völlig andere Bedeutung als bei Mann. In den romanischen (und zahlreichen anderen) Sprachen sind die Wörter ja sogar unterschiedlich, weil je nach Sprecher die weibliche oder die männliche Form verwendet wird.

  1. Liebe Christa,

    ich bin gebürtige Bayerin mit einer oberpfälzischen Mutter, schlesischen Großeltern und einem schwäbischen Vater. Den Kindergarten besuchte ich in Hessen, ab der Grundschule ging’s dann fest nach Bayern zurück.
    Kein Wunder, dass ich mich schon als Kleinkind für völlige Dialektlosigkeit entschied, oder? 😉
    Die Dialekte meiner Familie beherrsche ich jedoch alle – außer Schlesisch; dafür starben die Großeltern zu früh.

    Diese Vielfalt empfinde ich als extrem bereichernd, genauso wie die Fremdsprachen aus der Schule (Englisch, Latein, Französisch) und das bisschen Spanisch und Holländisch, die irgendwie unterwegs in ihrer „Gossenform“ dazukamen.

    Meine beruflichen Text-Themen brachten es außerdem mit sich, dass ich mittlerweile mit jedem Mediziner auf Augenhöhe kommuniziere – so sehr auf Augenhöhe übrigens, dass mich der Operateur meiner Tochter (Paukenröhrchen legen/Polypen entfernen) im OP (!) ans Kopfende (!) der Liege bat und mich den Gaumen meines narkotisierten Kindes abtasten ließ (!), weil er davon ausging, ich sei „vom Fach“. Höhöhö.

    Ja, und dann Twitteranto. Klar. Beherrsche ich aus dem #ff. 😉

    Und wenn ich jetzt so drüber nachdenke, finde ich das alles ganz schön cool.

    Danke für diesen schönen Artikel!

    Liebe Grüße

    Lilian

  2. Toller Artikel, liebe Christa!

    Und jetzt ich mit meinem Steckenpferd-Thema – oder besser: mit der Steckenkatze 😉
    Wir sprechen noch viel mehr Sprachen – nämlich mit denen, die dazu keinen menschlichen Wörter formulieren. Tiersprache zum Beispiel.

    Die „sprechen“ wir natürlich nicht, aber wir geben Laute von uns, wenn wir mit unseren Fellnasen kommunizieren. Wir ahmen Tierlaute nach und entwickeln sogar eigene Codes. Einen bestimmte Armbewegung von mir mit einem bestimmten „Njä“-Laut – das ist eine Verständigung zwischen meiner Katze Momo und mir. Sie antwortet mir mit zwei verschiedenen Raunzlauten. Je nachdem bedeutet das: Hol den Laserpointer und spiel mit mir, oder: keine Lust zum Toben, ich will pennen. Es sind richtige Katzenwörter mit Bedeutung. Das geht mit allen meinen Tieren.

    Ist das jetzt auch eine Art Szenesprech? ^^

    Ach ja, liebe Textzicke: Ich hab zwar keine, aber ich darf beim TA (falls der mich nicht besser kennt) auch immer alles mitgucken und besprechen – aus Gründen :) Hat was, gell?! Höhöhö!

    Liebe Grüße
    Petra

    • Danke, Petra ;o)) Ja, stimmt, wir können uns auch mit Tieren gut verständigen – manchmal sogar ganz unfreiwillig mit unseren Körpergerüchen. Mein Hund zum Beispiel hat sofort gemerkt, wenn ich Angst hatte und war dann blitzschnell an meiner Seite. Und wir können uns auch ohne Fremdsprachenkenntnisse im Ausland verständigen – denn Händisch und Fußisch spricht auch jeder von uns! Danke auch dir für diese Ergänzung.

      Liebe Grüße, Christa

  3. Liebe Christa,
    wieder ein feiner Artikel, danke.

    Ich spreche noch Klartext, auch eine Sprache, die
    1. nicht jeder kann
    2. schon lange nicht jeder aushalten kann
    3. viele vermeiden

    Viele Grüße
    Martina

  4. Spannender Text! Es gibt noch ein paar: Mit vollem Mund spricht mein Kind „Würstisch“ (frei nach Pettersson und Findus). Und kindgerechte Sprache ist so eine, die ich erst lernen musste – gerade jetzt, da die Zaubermaus in der Schwamm-Phase ist und uns mit zuweilen kniffligen Fragen löchert. Die Evolution z. B. so zu erläutern, dass eine knapp 6-Jährige sie versteht, ist eine ziemliche Transferleistung.

    Ich bin übrigens auch so eine, die mitten im Satz zwischen Hochdeutsch und Mutterdialekt wechselt. bin großer Fan von Dialekten und habe mir aus jedem Wohnort der vergangenen Jahre ein paar Lieblingswörter und -wendungen mitgebracht.

    • Würstisch … *lachwech*. Kinder sprechen ja überhaupt eine ganz eigene Sprache auf dem Weg zur Muttersprache: Aus einer Banane wird da gerne eine Nabane. Und alle meine Geschwister sagten in dieser Phase nicht Christa zu mir, sondern Kiste ;o))

      Du kannst zwischen den Sprachen wechseln? Also inklusive Tonalität? Wow, das möchte ich gerne mal hören!

      Liebe Grüße,
      Christa

      • Das mit dem Wechseln kann ich Dir gern mal demonstrieren – sobald wir uns mal wieder sehen und pfälzische Muttersprachlerinnen anwesend sind (davon gibt’s auch im TT ein paar). Oder ich ruf dann einfach mal meine Mama an und rede mit Dir und ihr parallel ;-).

        Die kindlichen Wortneuschöpfungen sind ein ganz eigenes Kapitel und enorm lustig!

  5. Hallo Christa,

    klasse Text, wie immer.

    Gern genutzt werden auch Abkürzungen, wobei ich den „Aküfi“ ganz ganz furchtbar finde. Wie du oben schon selbst schreibst, gehört zum Beispiel HDL und ähnliches dazu. Ich bin der Meinung, wer mir sagen will das er mich lieb hat und es ehrlich meint, sollte sich mir zuliebe auch die Zeit nehmen, diese drei kurzen Wörter auszuschreiben.

    Anderes Beispiel: bimo. Ich weiß das es „Bis Morgen“ bedeuten soll, trotzdem bekommt jeder der mir das (privat)schreibt stets ein „Bimo dich selbst“ zurück. Als Erziehungsmaßnahme hat es zumindest gewirkt, seitdem ich das mache, wird mir am Ende des Tages ordentlich Tschüss gesagt/geschrieben. 😉

    Liebe Grüße,
    Alice

  6. Mein Mann hat den Begriff „Sprachkassette“ geprägt. Wenn wir zu meinen Eltern gehen, legen wir die „Elternkassette“ ein, auf dass wir gehobenes Deutsch sprechen mögen. Im Gespräch mit den entsprechenden Jugendlichen sondere ich umgehend Ghettosprech ab usw. Außerdem muss ich tierisch aufpassen, wenn ich mit Deutsch sprechenden Ausländern kommuniziere, dass ich ihren Akzent nicht übernehme. Passiert mir ständig und ist echt peinlich. Mit meinem Nachbarn spreche ich breites Hamburgisch, bei meinen Schwiegereltern verfalle ich in schwäbischen Singsang und gebe mir Mühe, das Schwäbisch nicht allzu sehr zu imitieren, weil es eben doch nur imitiert klingt.
    Insgesamt sind wir doch alle ziemliche Sprach-Chamäleons.

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