Von der Ficke, dem Wichsen und der Vergasung. Und von Kinderbüchern.*

Eine Hexe2013 gab der Thienemann-Verlag bekannt, dass er diskriminierende Begriffe in Ottfried Preußlers Kinderbuchklassiker „Die kleine Hexe“ ersetzt. Sofort brach ein Sturm der Entrüstung in deutschen Feuilletons und Kommentarspalten los: Da ist von“ Zensur wie unter Stalin“ die Rede, von „Geschichtsverfälschung“ und von „übertriebener political correctness“. Und sogar davon, dass „Bücher geschändet“ werden.

2015 bleibt das Wort „Neger“ in der Jubiläumsausgabe von „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ erhalten. Der gleiche Verlag findet nämlich jetzt, dass man den toten Schriftsteller Michael Ende ja schließlich nicht fragen könnte, ob er diese Änderung an seinem Werk überhaupt will – außerdem käme das Wort ja nur in einer Szene vor. Diese Entscheidung finden total viele Leute richtig dufte, denn es gibt ja auch „Zigeunerschnitzel“,  „die doofen Gutmenschen können nicht mal Jim Knopf in Ruhe lassen“ und „es soll endlich Schluss sein mit der Selbstkasteiung der Deutschen.“

Ihr Kritiker der sprachlichen Überarbeitung von Kinderbüchern: Lest ihr eigentlich Shakespeare ausschließlich im Original? Und könnt den Urfaust auswendig? Schreibt ihr eure Einkaufszettel in Alt- oder Mittelhochdeutsch? Und was ist mit der Bibel – lest ihr die in der Originalfassung? Nein? Echt nicht? Wer hätte das gedacht …

Sprache verändert sich. Jeden Tag, jede Minute. Und das seit Jahrtausenden. Heute „wichst“ zum Beispiel kein Mensch mehr seine Schuhe, keiner arbeitet mehr „bis zur Vergasung“, die Franzosen sind nicht mehr euer „Erbfeind“ und niemand steckt mehr seine Hand in die „Ficke“, wenn er eigentlich eine Hosentasche meint. Ja, da guckt ihr, ihr Kritiker – diese alten Wörter und Formulierungen wären euch auch mit Sicherheit viel zu doof oder gar peinlich, gelle! Warum beharrt ihr also auf die „Freiheit“, diskriminierende Begriffe zu benutzen? Geht die Welt wirklich unter, wenn Kinder nicht mehr vom „Neger“, vom „Negerkönig“ oder vom „Negerlein“ lesen?

In der Sprache manifestieren sich Zeitgeist und Bewusstsein der Menschen – und die meisten Menschen nehmen bekanntlich für sich in Anspruch, bewusst zu handeln. Trotzdem wollt ihr Kritiker weiter das N-Wort verwenden? Okay, macht das. Dann werde ich euch Rassisten nennen. Denn nichts anderes seid ihr. Weil ihr euch bewusst dafür entscheidet, Wörter zu verwenden, die andere Menschen herabwürdigen und beleidigen.

So.


* Teile dieses Textes habe ich 2013 schon bei "Laut gegen Nazis" veröffentlicht.
Bildquelle: Pixabay

Christa GoedeDie Autorin Christa Goede steckt viel Herzblut und noch mehr Expertenwissen in digitale Unternehmensauftritte: Mit individuellen Texten und Konzepten gestaltet sie Websites und Social Media-Auftritte authentisch. Ihre Erfahrung und ihr Wissen als Texterin, Konzepterin, Social Media-Managerin und Bloggerin teilt sie hier im Blog oder live in Workshops und Vorträgen.
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6 Kommentare zu „Rassistische Sprache“

    1. Meinst du nicht, dass ein Unterschied darin besteht, ob einerseits ein Wort (Wichse, Ficke) schon lange nicht mehr gebraucht wird, andererseits aber Wörter wie Zigeunerschnitzel u.ä., die sehr wohl noch in Gebrauch sind, aus Gründen der political correctness fortan aus Büchern zensiert werden sollen? Ich finde, die in deinem Artikel angestellten Vergleiche hinken doch sehr stark, und habe meine Zweifel, ob der erhobene Zeigefinger & Beckmesserei der richtige Weg sind, Menschen zu einem gepflegten Sprachgebrauch zu bewegen.

    2. Hallo Christina,

      mit meinen Beispielen habe ich klar aufgezeigt, dass sich Sprache verändert. Und das nicht erst seit gestern. Ja, ich habe dazu drastische Vergleiche herangezogen – und ja, meiner Meinung nach ist das genau richtig so. Sonst hätte ich den Beitrag nämlich nicht in dieser Form geschrieben ;o))

      Liebe Grüße sendet
      Christa

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