Gedanken im ICE

von am 2. April 2014 in Christa persönlich | 14 Kommentare

Von Käsebrötchen und Laptops. Und von Mammuts.

Werbung im Kölner Hbf„Frau Geier, ich muss die Wohnung 19E heute Nachmittag betreten. Bitte bereiten Sie alles vor, damit wir die Schäden aufnehmen können.“
„Nein, Lydia, das geht so gar nicht! Ich habe die Präsentation bereits abgeschlossen. Änderungswünsche kann ich nicht mehr annehmen!“
„Dieter, da ist noch ein Rest Gulasch von gestern. Den kannst du dir warm machen heute Mittag.“

Wissen Sie schon, wo ich bin? Richtig, ich sitze im Zug. Diese Sätze sind alle in den ersten 10 Minuten meiner Reise gefallen. ICE um 8,16 Uhr von Frankfurt in Richtung Köln, Großraumwagen, Fensterplatz mit Tisch. Die Deutsche Bahn teilt mir auf ihrem Ticket mit, dass ich in einem Nichtraucherwagen sitze. Na, so ein Glück! Und ich dachte schon, dass man schon viele Jahre nicht mehr rauchen darf in deutschen Zügen, ts. Der Zug ist losgefahren, ich habe also „Häw a neis drip wiss Deutsche Bahn“ hinter mir. Mir gegenüber sitzen zwei Schlipsmänner. Auf dem Platz neben mir habe ich großzügig meine mindestens ebenso großzügige Handtasche geparkt. Schließlich muss ich mich auch während einer Zugfahrt frei entfalten können, jawohl!

Die Laptops der beiden Schlipsmänner stehen auf dem Tisch, meins auch. Smartphones nebendran. Ab und zu klingelt irgendwo ein Telefon, Tastaturen klappern und Papier raschelt. Echtes Großraumbüro-Feeling kommt auf. Ich bemerke, wie viele Menschen mit schlechtem Telefongehör es gibt: Eine Face-to-Face-Kommunikation findet im Zug in Zimmerlautstärke statt, ins Smartphone hingegen wird gebrüllt! Der Gulaschtalk fand zum Beispiel 4 Sitzreihen hinter mir statt.

Meine Hände werden kalt.

Mein HP-Laptop kuschelt sich gezwungenermaßen an den Lenovo-Rechner meines Gegenübers. Ich hoffe, das Konkurrenzunternehmen hinterlässt keine Spuren in der Psyche meines Arbeitstiers! Apropos arbeiten, eigentlich wollte ich auf dieser Fahrt arbeiten – doch dann kam mir die Idee für diesen Blogbeitrag. Die Menschen in meiner Umgebung werden also gerade unfreiwillig Akteure meiner teilnehmenden Beobachtung: Ob ich ihnen das wohl sagen sollte? Nein, besser nicht, die beiden Herren mir gegenüber haben nicht mal „Guten Tag“ gesagt, als sie sich gesetzt haben. Übrigens eine echte Unsitte, wie ich finde. Schließlich verbringt man mehrere Stunden Zeit zusammen, wird durcheinandergerüttelt, muss dem oft muffeligen Schaffner die Fahrkarte zeigen und friert – so etwas schweißt doch zusammen!

Meine Füße werden kalt.

Masten auf Bahnstrecke

Nach knapp 30 Minuten Fahrt bin ich nun so runtergekühlt, dass meine Füße in den gefütterten Chucks kalt werden. Warum, liebe Bahn, ist es in deinen Zügen so eisig? Ich fühlte mich jedenfalls schon auf so mancher Reise mit einem ICE wie ein Mammut im Permafrostboden. Auch im Sommer nehme ich immer zwei Jacken mit auf eine Bahnreise: Eine ziehe ich an, die andere lege ich mir über meine Beine.

Es gibt eigentlich nur einen Ort, an dem man den arktischen Temperaturen entgehen kann: die knuffigen Sechserabteile. Vor diesen Separees habe ich allerdings Respekt, seit ich mal eine Fahrt von Düsseldorf nach Frankfurt mit 5 munteren Russen und mehreren Flaschen Wodka verbracht habe ;o)) Ich Feigling wähle also doch immer wieder den Großraumwagen und seinen eiskalten Durchzug.

Meine Nase wird kalt.

„Boar, Heinz, dieser Typ geht mir echt auf den Senkel. Warum kann der Chef den nicht bedienen?“ Der Mann in der Vierersitzgruppe schräg gegenüber hat scheinbar ein echtes Problem in seinem Job. Just in diesem Moment klingelt auch mein Telefon: „Hallo, ja, ich sitze im Zug … nein, ich schreibe keine Texte für die Suchmaschine, ich schreibe Texte für Menschen … habt ihr eine Keywordanalyse gemacht? Okay, dann bringe ich die Keywords im Text unter, alles klar … so machen wir das … danke, bis Donnerstag!“ Ich hoffe, ich habe nicht so ins Telefon gebrüllt wie die Frau vier Sitze weiter, die ihrem offensichtlich überlebensunfähigen Gatten gerade die Bedienung der Waschmaschine erklärt. Ob sie wohl auf Weltreise geht? Oder sich scheiden lassen will? Ich könnte es verstehen! Welche Frau möchte gerne mit einem Mann zusammenleben, der nicht mal weiß, wie man eine Waschmaschine bedient! Da hat frau ja nur die Wahl zwischen Weltreise und Scheidung …

Mir ist eiskalt. Von Kopf bis zu den Füßen.

Der Mann gegenüber packt ein Essenspaket aus: Bittebittebitte, lass es kein Frikadellenbrötchen sein! Ich finde nämlich, dass es Nahrungsmittel gibt, deren Verzehr in jedem Zug verboten werden sollte: Frikadellen, Fleischkäse und Döner gehören in jedem Fall dazu. Puh, es ist ein harmloses Käsebrötchen, was ein Glück. Ich wünsche meinem Mitreisenden guten Appetit. Noch 12 Minuten bis Köln. Gleich darf ich aussteigen. Und auftauen.

Bildquelle: Christa Goede 

14 Kommentare to “Gedanken im ICE”

  1. Göttlich. Ich fühle mich direkt wieder in einen ICE versetzt, obwohl ich schon länger keinen betreten habe. Ich glaube, meine nächste Zugfahrt verbringe ich damit, die Gesprächsfetzen der Mitreisenden zu protokollieren :-).

  2. Dein Bericht hat mich zum Schmunzeln gebracht und erinnert mich an meine letzte Zugreise, als ich nach der Leipziger Buchmesse zurück nach Mainz gefahren bin. Unterwegs rief mich mein Freund an und beschwerte sich nach einer Weile, dass ich so wortkarg und leise antworten würde. Ich hab daraufhin nur geantwortet: „Ja, weil ich im Zug sitze und nicht 20 andere Menschen mit meinem Telefonat belästigen muss, indem ich dir lautstark alles erzähle.“ Vielleicht sollte ich das nächste Mal auch einfach solche Gespräche mit aufschreiben, die man so von den Mitreisenden aufschnappt. 😉
    lg Vanessa

    • Es ist wie es ist – in Sachen Bahn und in Sachen Mitreisende ;o))
      Allerdings bin ich immer frisch geduscht, wenn ich Bahn fahre. An mir kann’s also nicht liegen, dass es im ICE so kalt ist *ggg*.

      Liebe Grüße,
      Christa

  3. Oh Christa, traumhaft.

    Ich bin nach Lichtjahren dieses Jahr mal wieder mit der Bahn gefahren, weißt du, was mein Gegenüber gegessen hat?

    Eine Riesenrolle Sushi, und zum Nachtisch ein Fruchtbonbon. Ich traue mich gar nicht, über diese Kombi weiter nachzudenken, aber vielleicht müsste man es einfach mal probieren …..

    Grüße
    Margit

  4. Liebe Christa,

    Freitag abend hast du noch von der Story erzählt, heute musste ich sie unbedingt lesen…köstlich!
    Gestern auf dem Weg zurück nach Hamburg war die Zugfahrt ähnlich schrecklich…..Zum Glück waren ja noch meine Schwester und Moni von den Bildpoeten dabei, so konnten wir munter drüber lachen! 🙂

    Viele Grüße
    Katharina

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