Im Interview – Beate Knappe

von am 5. November 2015 in Authentizität, Know-how | Keine Kommentare

„Bei mir gibt es kein „Star für einen Tag“-Shooting.“

Beate Knappe ShootingsBeate kenne ich aus Facebook schon sehr lange – im realen Leben habe ich sie in Düsseldorf bei einer Geburtstagsfeier unserer gemeinsamen Freundin Heide Liebmann kennengelernt. Das Erste, was mir an ihr aufgefallen ist, sind ihre silbergrauen Haare: Sie leuchteten durch den dunklen Partyraum und waren damit einfach unübersehbar 😉

Beate erlebe ich als nachdenkliche, emotionale Frau, die sich nicht davor scheut, ihre Gedanken und Emotionen auch in die Facebook-Öffentlichkeit zu tragen. Genau diese Emotionalität erlaubt es ihr meiner Meinung nach, tolle Fotografien zu machen – denn sie ist mit vollem Herzen dabei und schafft es so, Menschen in genau dem passenden Augenblick abzulichten.

Außerdem scheut sie sich nicht davor, schwierige Themen abzulichten: Ihr Fotoprojekt „Fuck you Cancer“ finde ich ermutigend und lebensbejahend – gerade weil die Fotos so tolle Geschichten vom Leben und der Lebenslust erzählen. Ach, seht und lest einfach selbst …


CG: Authentizität wird gerade zu einem Modebegriff – immer mehr Unternehmen schreiben sich echt sein auf die Fahnen. Welche Bedeutung hat Authentizität für dich und deine Arbeit?

BK: Für mich persönlich und für meine Arbeit als Portraitfotografin: eine große! Was meine Portraits anbelangt, so bestechen sie durch eine hohe Präsenz und Authentizität der Abgebildeten, denn Portraits haben in meinem Verständnis einen Grund, einen Zweck, ein Ziel – all das mache ich zur Grundlage meiner Arbeit. Wenn ich mir so ansehe, welche Art von Fotografien von den „Massen“ angeblich „gemocht“ werden, bin ich erschrocken. Denn es scheint in diesen Fotografien hauptsächlich um gefälschte Gefühle und klebrigem Pathos zu gehen. Keiner scheint mehr Interesse daran zu haben, authentisch zu sein oder Gefühle ohne unerträgliche glibberige Honigverzierung darzustellen.

In meinen Fotografien geht es auch um Gefühle, selbstverständlich. Doch ich reduziere diese auf einen Blick oder eine Geste. Dass ich fast ausschließlich in Schwarz-Weiß arbeite, hilft mir bei meinem puristischen Stil sehr. Ich bin keine Mode- oder Werbefotografin, sondern ich mache Portraits – und zwar von ganz normalen Menschen. Sie sind keine Models, sondern „echt“. Daher ist es mein Anliegen und auch mein Anspruch, dass ihre Portraits authentisch sind. Bei mir gibt es kein „Star für einen Tag“- oder „Heute bin ich Zirkusprinzessin“-Shooting. Oder was ist daran kindgerecht, ein einjähriges Baby rauszuputzen wie eine Schaufensterpuppe und es dann vor einen ebenso aufgemachten Kuchen zu setzen? Aus meiner Sicht verkommt das Kind hier zum Dekorationsartikel – ein authentisches Portrait kann so nicht entstehen. Das heißt aber gleichzeitig, dass ich selbstverständlich dafür sorge, die Personen, die ich fotografiere, immer gut aussehen zu lassen. Das eine schließt für mich das andere nicht aus, und ich komme dabei ganz ohne Photoshop-Wunder aus.

Beate Knappe SilbergrauBei meiner freien Arbeit „Silbergrau – das bin ich!“ habe ich Frauen portraitiert, die aufgehört haben, ihr Haar zu färben, als es anfing, seine natürliche Farbe zu verlieren. Dabei ging es darum, authentisch zu sein, was sonst? Oder bei dem neuen Projekt „Fuck You Cancer“: Hier portaitiere ich Frauen, die aufgrund einer Chemotherapie ihre Haare verloren haben. Ich will mit meiner Art der Portraitfotografie zeigen, dass diese Frauen immer noch Persönlichkeiten sind – auch wenn sie etwas, das sie auszumachen schien – ihre Haare –, verloren haben.

CG: Welche Plattformen benutzt du für deinen unternehmerischen Außenauftritt? Verwendest du dort spezielle Stilmittel?

BK: Früher hatte ich noch Zeit für Flickr. Heute sind es das Blog auf meiner Webseite, Facebook, Instagram und Pinterest.

CG: Du bist Fotografin mit eigenem Studio in Düsseldorf. Du machst klassische Businessfotografie genau so wie deine freien Projekte. Wie viel von dir und deiner Authentizität findet sich in deinen Fotos?

BK: Was verstehst du unter „klassisch“? Die Portraitfotografie ist heute immer noch das, was sie zu Anbeginn war: Ein Hintergrund, ein Mensch, eine Kamera und die Person, die auf den Auslöser drückt – ist das klassisch?

Ich arbeite in meinem Studio ausschließlich in Schwarz-Weiß und sehr puristisch, denn ich bin der Meinung, dass ein Mensch keine überbordenden Zutaten benötigt, um portraitiert zu werden – denn sonst besteht die Gefahr, dass er oder sie dahinter verschwinden. Fotografieren heißt mit Licht malen. Und genau das mache ich. Als Portraitfotografin will ich nicht Mainstream sein, sondern tatsächliche PORTRAITS machen. Dazu ist es aus meiner Sicht erforderlich, dass die Person vor meiner Kamera authentisch ist – also wahr, echt, in genau diesem Moment auch anwesend. Ja, du kannst auch abwesend sein, indem du dir z. B. vorstellst, wie du gerade in diesem Moment aussiehst, wenn ich ein Bild machen möchte.

Der manchmal anstrengende Moment für mich dabei ist, dass ich fotografieren und kommunizieren muss. Da ich immer wieder hinter meine Kamera „verschwinde“, fällt es manchen Kunden schwer, das Band der Kommunikation zwischen uns gespannt zu halten. Das ist aber aus meiner Sicht erforderlich, um das Wesen der Person mit meiner Kamera einzufangen. Oder bei meinen „Sensitive“ Portraits – denn da haben die Frauen meistens nichts an, sind also nackt. Doch so sollen sie sich nicht fühlen, weil ich dann nicht das Portrait bekomme, das ich machen möchte.

OK, meine Familienportraits oder die Portraits von Schwangeren kannst du schon als Idealisierungen bezeichnen. Das stimmt, ich versuche genau das – aber ohne in den Kitsch abzugleiten. Es geht mir um Intimität und Gefühl, es geht mir um die Sinnlichkeit, die ich sehe bei dem Menschen vor meiner Kamera. Manchmal gelingt es mir, den Frauen z. B. etwas von ihnen zu zeigen, das sie bisher nicht kannten. Doch immer gilt: Ich kann nicht etwas fotografieren, was nicht da ist. Denn ich bleibe authentisch und inszeniere so gut wie nicht während meiner Arbeit. Fotografien sind niemals „objektiv“, sondern immer meine subjektive Sicht auf die Welt oder die Person vor meiner Kamera. Ja, und alle meine Portraits enthalten auch ein „Portrait“ von mir der Fotografin.

CG: Was glaubst du: Warum ist es für manche Menschen so schwer, individuelle Wege zu beschreiten und zu den Facetten ihrer Persönlichkeit zu stehen?

BK: Keine Ahnung! Weil es anstrengend ist, sich abzusetzen gegenüber der Masse? Weil gerade wir Frauen dazu erzogen wurden, uns anzupassen „lieb“ zu sein, nicht aufzufallen usw.?

CG: Nach gängiger Definition resultiert Authentizität aus einem Sieg des Seins über den Schein. Doch für mich als Unternehmerin ist es nicht immer einfach zu entscheiden, wie weit meine Echtheit auf professioneller Ebene gehen darf. Wie erlebst du diese Auseinandersetzung? Hat Authentizität Grenzen?

Beate Knappe KindBK: Ich mache sehr oft Fotos für die Websites meiner Kundinnen/Kunden, also für deren Außendarstellung. Dabei frage ich genau nach, was sie aussagen/kommunizieren wollen. Anhand dessen entwickele ich ein Konzept für das Portrait, das auch die Kleidung einbezieht – schließlich kommuniziert jede Kleinigkeit in einem Portrait mit seinem Betrachter. Und Jeans und T-Shirt erzählen etwas anders als ein gut sitzender Anzug oder ein perfekt geschnittenes Kleid. Einen Schüler berate und fotografiere ich für seine Bewerbung anders als den Geschäftsführer einer großen Firma – und jeder BWL oder Jurastudent hat einen Anzug zu tragen, auch wenn er sich nur um ein nicht bezahltes Praktikum bewirbt. Die Heilpraktikerin oder Erzieherin muss nicht unbedingt einen Blazer tragen und auch in der Modebranche ist ein eher unkonventioneller Kleidungsstil möglich. Auf jeden Fall sollte die Kleidung authentisch sein, ansonsten ist ein überzeugendes Portrait nicht möglich. Modells können etwas anderes darstellen, als sie sind, „Normalos“ eher nicht. Die normalen Menschen sollten sich, in dem was sie tragen, wohl und nicht verkleidet fühlen.

Ich schreibe einen Blog und dabei kommt es schon vor, dass ich mich frage, ob das jetzt wirklich von allen gelesen werden soll, was ich schreiben möchte – da hat sich in den letzten Jahren eine Schere in meinem Kopf gebildet. Das gefällt mir nicht immer und ich arbeite daran. Denn ich will schreiben dürfen, wenn es mir im Moment nicht so gut geht. Oder, dass ich mit meinen Dämonen kämpfe oder mich prima erhole auf meiner Lieblingsinsel. Denn alles macht mich aus – und zu der Fotografin, die ich bin. Grenzen? Ja, die sollte es geben, wenn das, was ich schreibe, eine Überforderung für denjenigen sein könnte, der das liest. Muss ich zum Beispiel eine wirklich große Lebenskrise bis ins Detail publizieren? Ich denke nein. Aktuell habe ich die Kritik eines Kollegen an einem Hochzeitsfoto gelesen, die hat mir aus tiefster Seele gesprochen – so etwas würde ich wirklich auch gerne öfters schreiben. Weil ich mich schon oft gefragt habe, warum es schön und richtig sein kann eine Schwangere mit einem durchsichtigen Etwas in die Botanik zu stellen. Doch ich werde gesteinigt, wenn ich es tue und darum lasse ich es. Doch richtig finde ich das nicht.

CG: Mit Authentizität gehen Begriffe einher wie ….

BK:
echt, ein Original zu sein.
zu seinen Werten zu stehen.
seine Werte auch zu leben, vielleicht sogar kompromisslos?
eine Haltung zur Wahrheit und zum Kontext.

CG: Was glaubst du: Warum werden öffentliche Gefühlsausbrüche von Persönlichkeiten heute besonders geschätzt? Der Wutausbruch von Bundesaußenminister Steinmeier hat viel öffentliche Bewunderung erfahren und ist zum echten Youtube-Hit geworden mit mittlerweile mehr als 2,6 Mio. Klicks.

BK: Steinmeier hat leider auch viel bla bla bla gebrüllt, schade!! Sein Schreien empfinde ich als Hilflosigkeit. Den Humor eines Gysis hingegen bei seinen Reden im Bundestag oder einen gewissen Sarkasmus liebe ich sehr!!!

CG: Zum Schluss ein Blick in die Kristallkugel: Welche unternehmerischen Strategien werden in den nächsten Jahren Interesse wecken – und zum Beispiel aus Interessenten Käufer machen?

BK: Puh, das weiß ich nicht. Ich kann nur hoffen, dass mein Stil und meine Art diesen umzusetzen und mein Marketing erfolgreich sein werden. Wenn ich noch einen Moment nachdenke, dann würde ich sagen, sich zu konzentrieren auf seine größte Stärke, einen unverkennbaren Stil in seiner Arbeit zu entwickeln, individuell zu sein.

CG: Vielen Dank, liebe Beate, für den tiefen Einblick in die Gedankenwelt einer Fotografin!


Beate KnappeBeate Knappe hat einen Gesellenbrief als Fotografin und einen Hochschulabschluss als Kommunikationsdesignerin. Sie lebt mit ihren zwei Hundemädels in Düsseldorf und ist seit 8 Monaten glückliche Oma. Fotografin wollte sie schon mit 14 werden – und mit 65 ist immer noch kein Ende in Sicht, denn sie wird immer besser und besser. Sie war sowohl selbstständig als auch als angestellte Fotografin unterwegs und hat sich im Januar 2011 einen Herzenswunsch erfüllt: ein eigenes Portraitstudio in Düsseldorf.

Es gibt einen Bildband von ihr: „Bestandteil – Stück vom Ganzen, Frauen in Chemnitz“. Der Inhalt sind Portraits von Frauen, entstanden im damaligen Karl-Marx-Stadt, unmittelbar nach der Wende. Sie hat, in den Jahren, in denen sie fotojournalistisch gearbeitet hat, so einige Preise gewonnen.

Bildquellenangabe: Beate Knappe

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