Im Interview – Anette Weiß

von am 4. September 2015 in Authentizität, Know-how | Keine Kommentare

„Ehrlichkeit steht vor Echtheit.“

Anette WeißAnette Weiß von der geld.wert GmbH kenne ich – tataaaaa – aus Facebook: Wir beide sind in der gleichen Unternehmerinnen-Gruppe. Ihre Postings sind mir ins Auge gesprungen, weil sie eine persönliche, verbindliche und gut gelaunte Schreibe hat. Gleichzeitig war ich aber am Anfang skeptisch, weil ich dem Thema Finanzberatung sehr kritisch gegenüber stehe – schließlich habe ich mein Texterhandwerk unter anderem bei einer großen deutschen Bank gelernt und in dieser Zeit einiges über dieses Gewerbe gelernt, das mir nicht wirklich gefallen hat.

Anette aber ist ganz anders, als wir uns alle die klassische Bankerin vorstellen: Sie ist entspannt, ehrlich und geht den Dingen auf den Grund. Mit dieser menschlichen und humorigen Art legte sie während einer Honorarberatung den Grundstein dafür, dass mein Mann und ich im letzten Jahr unter die Wohnungsbesitzer gegangen sind ;-))


CG: Authentizität wird gerade zu einem Modebegriff – immer mehr Unternehmen schreiben sich Echt sein auf die Fahnen. Welche Bedeutung hat Authentizität für dich und deine Arbeit?

AW: Wenn ich die moderne Werbung – gerade aus dem Finanzbereich – sehe (z. B. „Wir haben verstanden!“), bekomme ich sofort Bauchweh. Ich weiß zu genau, was dort hinter den Kulissen vor sich geht – und es ärgert mich, dass diese Werbung so gut gemacht, aber gelogen ist. Denn Authentizität hat meines Erachtens tatsächlich noch mehr mit Ehrlichkeit als mit Echtheit zu tun – schließlich steht vor der Echtheit die Ehrlichkeit, vor allem die zu sich selbst.
Es hat zum Beispiel sehr lange gedauert, mir einzugestehen, dass ich innerhalb des Systems „Bank“ nicht glücklich bin und nicht die Arbeit leiste, die ich zu leisten imstande bin. Als ich dann irgendwann ehrlich genug zu mir selbst war, ergab sich daraufhin wie von selbst die Verpflichtung, mich selbständig zu machen. Es hat dann noch eine Zeit lang gedauert, bis ich sicher genug war, mich nicht (mehr) als Bankmensch, weder im Auftreten, noch in der Sprache zu verkleiden, also authentisch zu sein.

CG: Welche Plattformen benutzt du für deinen unternehmerischen Außenauftritt? Verwendest du dort spezielle Stilmittel?

AW: Online findet man mich viel auf Facebook, denn ich mag es, persönlich „greifbar“ zu sein und möglichst direkt mit den Menschen in Kontakt zu stehen. Das vertrauliche „Du“ als Stilmittel zu benennen, finde ich fast zu hoch gegriffen. Aber es hilft dabei, Berührungsängste – gerade bei meinem Thema – abzubauen.

CG: Du macht auch Honorar-Finanzberatung – und zwar außerhalb der klassischen Beraterstrukturen oder Banken. Die Kunden bezahlen also für deine Dienstleistung und können sich so sicher sein, eine objektive Empfehlung zu bekommen. Dieses Geschäft hat sehr viel mit Vertrauen zu tun. Wie wichtig ist deine Person für dein Business?

AW: Sehr wichtig, denn die meisten Menschen kennen die Honorarberatung nicht und hatten noch keine Gelegenheit, zu der grundsätzlichen Idee, Finanzberatung gegen Honorar zu kaufen, Vertrauen zu fassen. Außerdem ist die neue gesetzliche Regelung viel zu verwirrend und mir noch deutlich zu kurz gesprungen.
Also kaufen meine Kunden im Grunde nicht „eine“ Finanzberatung, sondern sie kaufen mich und meine Arbeit – manchmal gar nicht so genau wissend, was da am Ende bei raus kommt … Bei der Arbeit, die ich mache, kann meine objektive Empfehlung nämlich auch heißen: „Nein, lieber Kunde, es wäre besser, dieses Haus nicht zu kaufen, diese Versicherung nicht abzuschließen oder erst mal eine andere Finanz-Baustelle zu bearbeiten.“ Solche Ergebnisse sind für den Kunden reichlich ungewohnt und manchmal irritiert es sie sogar, bei mir kein Finanzprodukt verkauft zu bekommen. Unternehmer und Freiberufler tun sich da deutlich leichter, denn Sie kennen das Konzept „Beratung gegen Geld“ schon von ihrem Steuer- oder Unternehmensberater.

CG: Was glaubst du: Warum ist es für manche Menschen so schwer, individuelle Wege zu beschreiten und zu den Facetten ihrer Persönlichkeit zu stehen?

AW: Über die Reihenfolge mag man sich streiten, aber ich glaube, dass sich viele Menschen ihrer Potentiale und ihrer Selbstverwirklichungswünsche überhaupt nicht bewusst sind und/oder die Erkenntnis fürchten. Wo ist denn auch der Raum für Erkenntnisse, wenn man 24h am Tag damit beschäftigt ist, ein „normales“ Leben zu führen, Geld zu verdienen, Kinder großzuziehen und den Alltag zu bewältigen? Meist braucht es einen Arschtritt (sorry, trifft aber genau den Punkt) in Form von starkem Leidensdruck, der einen zwingt, genauer hinzuschauen. Ohne einen bestimmten persönlichen Reflexionsgrad kann ich nicht authentisch sein, weil ich gar nicht weiß, wer ich bin….
Persönliches Wachstum dagegen ist wie die Büchse der Pandora – einmal auf den Weg gemacht, kann man nicht mehr zurück: Die Authentizität ergibt sich dann von selbst.

CG: Nach gängiger Definition resultiert Authentizität aus einem Sieg des Seins über den Schein. Doch für mich als Unternehmerin ist es nicht immer einfach zu entscheiden, wie weit meine Echtheit auf professioneller Ebene gehen darf. Wie erlebst du diese Auseinandersetzung? Hat Authentizität Grenzen?

geld.wert LogoAW: Früher als Banker und in meinen Anfangszeiten als Unternehmerin hatte ich da tatsächlich beträchtliche Probleme: Gerade als Finanzmensch gibt es ja viele Vorstellungen (von außen und auch hausgemachte), von denen ich glaubte, ich müsste ihnen entsprechen. Zum Beispiel, dass Seriosität einen Anzug zu tragen hat. Oder dass eine vertrauenswürdige Person niemals im beruflichen Kontext das Wort „Arsch“ in den Mund nehmen würde … Heute ist mir klar: Es kann keinen Unterschied in der Authentizität zwischen meiner Person als Unternehmerin und als Privatmensch geben. Meine Werte, also das, für das ich einstehe, das, was ich für richtig und falsch erachte, können in all den Funktionen, die ich ausfülle (ob Chefin, Mutter, Unternehmerin, Lehrerin usw.) niemals unterschiedlich sein, wenn ich ein authentisches Leben führen und ein authentisches Unternehmen aufbauen will. Das Unternehmen geld.wert GmbH würde also wahrscheinlich eher das Wort „Popo“ benutzen … was aber an der Kernaussage eben nichts ändert 😉
Wichtig bei all dieser Authentizität ist es allerdings, mich selbst vom Unternehmen abzugrenzen: Mein Geschäft darf nicht abends mit mir auf die Couch gehen, und ich erzähle nicht jedem Kunden meine Familieninterna.

CG: Mit Authentizität gehen Begriffe einher wie ….

 AW:  a. Mut (Bin ich echt, so gehe ich auch die Gefahr ein, mal peinlich, dumm oder schwach zu sein. Alle Menschen sind nämlich manchmal peinlich, dumm oder schwach. Üble Sache, das.)
b. Polarisierung (Authentische Menschen sind niemals beliebig – und nur Be-liebigkeit nimmt keinen Anstoß und eckt nicht an.)
c. Selbst-bewusst-sein – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

CG: Was glaubst du: Warum werden öffentliche Gefühlsausbrüche von Persönlichkeiten heute besonders geschätzt? Der Wutausbruch von Bundesaußenminister Steinmeier hat viel öffentliche Bewunderung erfahren und ist zum echten Youtube-Hit geworden mit mittlerweile mehr als 2,6 Mio. Klicks.

AW: Gerade öffentliche Personen in seriösen Ämtern tun sich mit Authentizität sehr schwer – es kann ja auch nicht jeder ein Helmut Schmidt sein. Eigentlich ist es schizophren: Wir erwarten von unseren Politkern und Wirtschaftsgrößen (Chefs, Führungskräften und Bankvorständen) unendliche Coolness, Souveränität und Contenance – und wundern uns dann, dass wir Ihnen so wenig Vertrauen entgegenbringen können und Ihnen nur jedes zweite Wort glauben.
Umso mehr freuen wir uns eben, wenn dann doch mal die wahre Gefühlswelt, die wahre Persönlichkeit durchblitzt – immerhin bestätigt uns das ja darin, dass wir uns nicht getäuscht haben und sie „unter der harten Schale“ doch normale Menschen – im besten Fall mit dem Herz am rechten Fleck – sind.
Wobei dieser Ausbruch von Steinmeier bei mir ganz andere Alarmglöckchen läuten lässt: Mir sieht diese Wut doch sehr nach Kalkül aus. Aufgesetzte Authentizität ist natürlich eine interessante Steigerungsform des Marketings, sehr spannend.

CG: Zum Schluss ein Blick in die Kristallkugel: Welche unternehmerischen Strategien werden in den nächsten Jahren Interesse wecken – und zum Beispiel aus Interessenten Käufer machen?

AW: Ich glaube, wir befinden uns sowohl gesellschaftlich als auch wirtschaftlich an einem Scheideweg: Neben der bekannten Hierarchie-Geld-Gier-Denke hat ein anderer Teil der Wirtschaft erkannt, dass langfristiges unternehmerisches Wachstum nur in Verbindung mit dem ehrlichen Annehmen von sozialer und gesellschaftlicher Verantwortung erreicht werden kann.
Ich würde gerne behaupten, dass zukünftig nur noch Unternehmen und Dienstleister erfolgreich sein werden, die ihre Strategien auf dieser Basis aufbauen – hierzu gehört dann natürlich auch die authentische Unternehmenskommunikation – aber leider bin ich mir dessen noch nicht so sicher. Ich empfinde das tatsächlich als einen Wettlauf mit der Zeit – denn die größeren finanziellen Ressourcen und die stärkeren Machtpositionen liegen nicht auf Seiten der Echtheit.
Da dieses Spiel aber nicht „da oben“ entschieden wird, sondern wir alle unseren Beitrag leisten können, glaube ich, dass es interessant ist, den Kunden nicht mehr mit Kauf-mich-jetzt! anzuschreien, sondern ihm tatsächlich ein gutes Angebt zu machen und ihn im Zweifelsfall zu fragen, was ihn daran hindert, sich dafür zu entscheiden.
Außerdem glaube ich, dass alle Strategien, die auf Kooperation, Netzwerk und Eigenverantwortung des Kunden ausgelegt sind, eine gute Zukunft haben werden.

CG: Vielen Dank für deine klugen Gedanken, liebe Anette!


 Anette WeißNach dem einen Begriff, der meine Arbeit beschreibt, suche ich schon seit Jahren – leider erfolglos. Am ehesten würde ich mich als Mentor für Menschen und ihre Finanzen bezeichnen: Ich berate, vermittle Wissen und coache, damit meine Kunden ihre Ziele erreichen – unterm Strich meist Wohlstand, Gelassenheit oder Freiheit. Dazu habe ich neben den Individual- und Präsenzangeboten auch den einzigen komplexen Onlinekurs für Finanzbildung entwickelt, auf den ich unglaublich stolz bin. Denn er schafft es tatsächlich, den Teilnehmern in wenigen Stunden alles an Know-how beizubringen, was sie brauchen, um ihre Finanzdinge richtig gut auf den Weg zu bringen.
Bildquellenangabe: Anette Weiß

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