Rant: künstliche Werbewelten

von am 26. April 2016 in Authentizität, Know-how | 4 Kommentare

ICH HASSE WERBUNG. UND ZWAR RICHTIG.

Ein wütender StierJa, sie geht mir mächtig auf den sprichwörtlichen Sack, diese heile Glitzerwerbewelt mit ihren Hochglanz-Aktionen, den glatt gebügelten, dauerjungen Akteuren und den immer gleichen, langweiligen Storyboards, in denen das Leben natürlich erst mit Produkt XY  perfekt wird.

Ein paar Beispiele gefällig? Ich gucke selten Fernsehen – aber wenn, nutze ich die Werbepausen, um aufs Klo zu gehen, die Spülmaschine auszuräumen oder die Blumen zu gießen. Weil ich vor diesem Schischi-Schmusibusi-Mist körperlich die Flucht ergreifen muss. Und wenn ich zum Beispiel im Wartezimmer mal wieder ein gedrucktes Magazin zwischen die Finger bekomme, blättere ich die Werbeseiten ganz fix um, denn ich will das alles nicht mehr sehen: Autos, die wie Raumschiffe durch wunderschöne Landschaften gleiten – natürlich kein Stau weit und breit. Fertig zubereitete Lebensmittel, kleinen Teller-Kunstwerken gleich – dass das Zeug im Regal im Supermarkt dann aussieht wie schon mal gegessen … geschenkt. Hautcremes für die „reife Haut“, die sich eine Frau von Mitte 20 ins Gesicht schmiert – alles klar, „reif“ ist man heute, wenn die Pubertät gerade vorbei ist. Und im Internet stolpere ich über Websites von Unternehmen, die mit den ewig gleichen us-amerikanischen Team-Hochglanzfotos und kreischigen Superlativ-Texten für sich werben – Farbsprache wahlweise Blau oder Grün oder Grau. Und ich, was mache ich? Klick, zu, ab zur Konkurrenz. Doch die präsentiert sich ganz oft genau so …

Jeder Kanal hat seine eigene Scheißwerbung.

Miese Werbung ist wirklich überall, wir haben keine Chance, ihr zu entkommen. Dabei könnte es so einfach sein:

  • Sprechende Tiere, Schokoriegel oder Klobrillen, die uns aus dem Fernseher anquaken? Weg damit, lasst echte Menschen ihre eigene Meinung über eure Produkte sagen. Mama kocht, Papa arbeitet, zwei Kinder, alle weiß gekleidet, die Sonne scheint? Schluss damit, zeigt echte Familien in ihrem normalen Umfeld und in ihrer ganzen Verschiedenartigkeit. Halb nackte Alabasterkörper vor Skyline in Schwarz-weiß? Wäää, wir Durchschnittsmenschen glauben wirklich nicht mehr, dass wir uns mit ein paar Spritzern Parfüm in diese Superhelden verwandeln, die sich da pornorös auf dem Bildschirm räkeln. Und noch was: Das hellblau angezogene Baby, das keck aufs Sofa klettert, wird nicht unbedingt ein kerniger Steilwandkletterer. Genau wie das rosa Baby, das so niedlich das Bein seitlich streckt,  mit ziemlicher Sicherheit keine Primaballerina wird – was soll dieser Rollenramsch also?
  • Im Internet wollen wir nicht unsere Mailadresse, Telefonnummer und am besten noch die letzte Steuererklärung preisgeben, wenn wir ein Whitepaper oder einen Blogbeitrag lesen wollen – nervige Mailings und Newsletter bekommen wir alle eh schon jeden Tag mehr als genug. Wir wollen auch keine Websites besuchen, bei denen uns ungefragt ein Video oder einfach nur Musik bedudelt. Und wir wollen auf einer Website keine wichtigen Infos suchen müssen, weil entweder die Inhalte so irre aufgebaut sind, dass sich jeder verlaufen muss – oder weil dauernd irgendwelche „Abonnieren Sie unseren Newsletter!“ oder „Jetzt liken auf Facebook!“-Fenster aufploppen und uns daran hindern, das zu lesen, was uns interessiert.
  • Werbung im Printbereich muss auch nicht aus Flyern bestehen, die trotz „Werbung verboten!“-Aufkleber unseren Briefkasten verstopfen und an deren vielen Rechtschreibfehlern man höchstens seinen Deutschlehrerkomplex ausleben kann. Ganz schlimm ist auch die Flyerwüste, die sich in vielen Restaurants im Zugangsbereichen zu den Toiletten ausbreitet: Glaubt ihr wirklich ernsthaft, dass dieses Umfeld positives zur Vermarktung eures Produkts beiträgt? Und A4-Broschüren aus  UV-lackiertem 200 Gramm-Papier, in denen wir die Visagen aus den Fernseh-Werbepausen oder die von den Websites wiederfinden, sind auch nicht wirklich das, was wir Konsumenten uns wünschen.
  • Ganz schlimm auch: Telefonmarketing. Ein aufgesetzt-fröhlich gezwitschertes „Schön, dass ich Sie persönlich erreiche!“ oder ein Intro wie „Sie träumen doch sicher auch von einem Lottogewinn … *bedeutungsschwangeres Schweigen*“ sind einfach kein gewinnbringender Einstieg in ein wie auch immer geartetes Akquisegespräch. Warum wurden diese immer gleichen Telefonmarketing-Leitfäden nicht längst abgeschafft?

Werbung muss nicht perfekt sein – sie muss gut sein!

Ihr Werber da draußen: Seid doch mal mutig und macht was anders. Probiert Dinge aus – zum Beispiel kurze, schnelle Infowerbung oder überraschende Werbung, die die Zielgruppe gerne auch mit raffiniertem Witz unterhält. Natürlich immer in einer Form, die zum Absender, zum Produkt und zur Zielgruppe passt. Aber hört bitte auf von „Love-Brands“ zu schwafeln und euch hinter kryptischem Marketing-Gedöns zu verstecken oder gar pseudowissenschaftliche Wortkreationen wie „Hyaloroneffekt“ zu erfinden.

Macht lieber authentische Werbung, die zum Unternehmen, zum Produkt UND zur Zielgruppe passt. Erzählt echte Geschichten, gebt echte Informationen preis, zeigt echte Menschen und echte Gefühle. Zeigt, was euch antreibt – was euch morgens dazu bringt, das gemütliche Bett zu verlassen und zur Arbeit zu gehen. Denn nur so weckt ihr nachhaltig das Interesse der Konsumenten. Also, liebe Werber, raus aus der sterilen, glatt geschliffenen Kunstwelt – rein ins echte, pralle Leben! Das bietet Geschichten und Abenteuer genug.


PS: Wer nun denkt, als Texterin mit fast 20 Jahren Berufserfahrung hätte ich nie richtig schlechte Werbung gemacht, der irrt. Natürlich habe ich auch schon Scheißwerbung produziert, Luftblasen in wohlklingende Worte verwandelt und Hohlphrasen aneinandergereiht. Aber mir fällt es heute auf, während ich schreibe – und dann versuche ich meine Auftraggeber dazu zu bringen, sich mehr zu trauen und sich nicht mehr hinter austauschbarem Blabla zu verstecken. Das klappt immer öfter ;o)

PPS: Danke an die lieben Menschen, die mir auf Facebook so detailreich beschrieben haben, was sie an Werbung hassen. Ohne euch wäre dieser Blogbeitrag viel langweiliger geworden ;o))

Bildquelle: Pixabay

Christa GoedeDie Autorin Christa Goede steckt viel Herzblut und noch mehr Fachwissen in digitale Unternehmensauftritte: Mit individuellen Texten und Konzepten gestaltet sie Websites und Social Media-Auftritte authentisch. Ihre Erfahrung und ihr Wissen als Texterin, Konzepterin, Social Media-Managerin und Bloggerin teilt sie hier im Blog oder live in Workshops und Vorträgen.
Tel.: +49 (0) 160 – 94 44 19 34, E-Mail: mail@christagoede.de


 

4 Kommentare to “Rant: künstliche Werbewelten”

  1. Das sind die Gründe, warum ich dem Marketing – Schwerpunkt Kommunikation – nach 15 Jahren den Rücken gekehrt habe. Ich habe es nicht mehr ertragen, zu lügen, aus einer Fliege einen Elefanten zu machen, etwas in den höchsten Tönen zu loben von dem ich wußte, dass es nicht funktioniert . Von jedem Mist der mir auf den Tisch gelegt wurde, hatte ich ekstatisch begeistert zu sein. Ich habe mich 15 Jahre verbogen, mich verloren und fand mich zum Schluß rückgratslos und widerlich.

    Danke für das Statement
    Doris

    • Liebe Doris,

      hui, so schlimm? Was ein Glück arbeite ich fast nur noch für KMU – da ist man offensichtlich schon weiter. Denn Mücken zu Elefanten hochzupushen mag für ein paar Minuten eine spannende Herausforderung sein, doch als sinnstiftendes Element für ein ganzes Berufsleben taugt es wohl nicht.
      Liebe Grüße sendet
      Christa

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