Über gute Menschen

von am 14. August 2015 in Know-how, Social Media | 12 Kommentare

Von einer, die gerne ein guter Mensch sein möchte. Und von den Besserdeutschen.

Refugees welcome„Du bist ein Gutmensch!“ – so schallt es immer öfter voller Abscheu durch die Sozialen Netzwerke. Dieses als Beleidigung gemeinte Wort wird gerne von Menschen gebraucht, die sich selbst als „Asylkritiker“ bezeichnen: Menschen, die sich zum Beispiel Woche für Woche vor ein Flüchtlingsheim in Freital in Sachsen stellen und menschenverachtende Parolen brüllen, für die sich sogar die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping schämt. Menschen, die Steine auf Rotkreuz-Helfer werfen, während diese Zelte für Refugees aufbauen. Leider müssen Flüchtende mittlerweile in Zelten unterkommen, da die politisch Verantwortlichen scheinbar keine Zeitung lesen und nicht darüber informiert waren, dass Menschen zum Beispiel aus Afrika, dem Nahen Osten oder dem Balkan zu Tausenden nach Europa – den vermeintlich sicheren Hafen – wollen, weil die Zustände in ihren Heimatländern einfach gruselig oder schlicht weg lebensgefährlich sind.

„Linksgrünversiffte Gutmenschen!!!!!!!1111!!“

Das als Beschimpfung gemeinte Wort „Gutmensch“ taucht aber oft nicht alleine auf: Meist wird es gepaart mit „linksversifft“, „grünversifft“ oder sogar in der Steigerung „linksgrünversifft“. Außerdem erscheint es im Rudel mit möglichst vielen Rechtschreibfehlern, Großbuchstaben und Unmengen von Ausrufezeichen – denn damit unterstreichen die Absender ihre vermeintliche Empörung. Häufig sind mit diesem Wort sogar strafrechtlich relevante Inhalte verbunden, denn da wird mit Vergasung gedroht, oder empfohlen, kleinen Kindern Hämmer zu geben, mit denen sie auf die Köpfe der Refugees einschlagen können – schließlich wären die Kids ja noch nicht strafmündig. Oder das Mittelmeer wird für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, es hat schließlich so viele Flüchtlinge aufgenommen* … ehrlich, wenn ich so etwas lese, möchte ich kotzen.

So viel Menschenverachtung und so viel Aggressivität – wo kommt das her? Glauben diese Leute ernsthaft, dass Refugees in Deutschland Tausende von Euros geschenkt bekommen, immer Markenkleidung tragen und sowieso immer das neueste Handymodell am Start haben? Irgendwie kann ich mir gar nicht vorstellen, dass jemand so wenig weiß von diesem Land, dass er diesen Blödsinn für die real existierende Wirklichkeit hält – lesen diese Leute nie Zeitung? Surfen sie nie im Internet? Gucken Sie wirklich nur RTL2? Machen sie nie die Augen auf, wenn sie aus dem Haus gehen? Meiner Meinung nach muss man ein sehr großes, kackbraunes Brett vorm Kopf haben, wenn man derartige Lügen zum Beispiel auf Facebook teilt … und gleichzeitig tun mir diese Menschen leid, denn sie haben panische Angst vor nicht existenten Dingen. So ein Leben stelle ich mir sehr anstrengend vor.

Was ist so verwerflich daran, ein guter Mensch sein zu wollen?

Als Freundin von Sprache trete ich gerne einen Schritt zurück und betrachte Wörter genau: Was bedeuten sie eigentlich, wenn man sie ganz ohne gemachte Erfahrungen oder den gesellschaftlichen Kontext betrachtet? In „Gutmensch“ zum Beispiel steckt „guter Mensch“. Doch was ist eigentlich verwerflich daran, ein guter Mensch sein zu wollen? Jemand, der auch mal Rücksicht nimmt, verständnisvoll handelt, der versucht, sich auch in andere Menschen hineinzuversetzen? Eigentlich nichts, oder?

Und was wäre das Gegenteil eines Gutmenschen? Ein Schlechtmensch? Oder gar ein Unmensch? Oder vielleicht nicht ganz so hart: ein Besserdeutscher? Ein Besserdeutscher wäre dann also einer, der „stolz ist auf sein Vaterland“ und findet, dass Flüchtende in seiner Heimat nichts zu suchen haben. Jemand, der zu den Demos der Abkürzungsnazis wie Pegida, Fragida und Mügida geht und dort Sprüche ruft wie: „Ausländer raus!“. Ganz irre wird es dann, wenn solche Demos zum Beispiel in Sachsen stattfinden – einem der Bundesländer mit dem geringsten Ausländeranteil in der Bevölkerung. Da bin ich als Offenbacherin – der Stadt mit dem höchsten, nicht biodeutschen Bevölkerungsanteil – hin und her gerissen zwischen einem Lachflash, einer extremen Fremdschämattacke und einem Weinkrampf.

Ich möchte in einer guten Welt leben.

Ganz ehrlich: Wenn ich diese „Besserdeutschen“ erlebe bin ich froh, dass ich in deren Augen ein Gutmensch bin. Und dass ich weiterhin daran arbeite, ein guter Mensch zu sein. Denn ich werde mein Herz nicht verschließen vor Menschen, die meine Hilfe brauchen. Ich werde auch keine anderen Menschen hassen, bloß weil sie nicht im selben Land geboren sind wie ich. Und ich werde auch weiterhin deutlich Stellung beziehen und zum Beispiel darauf aufmerksam machen, dass die Bundesrepublik der größte Waffenexporteur in Europa ist. Dieses Land verdient sehr gut an den Kriegen, vor denen Menschen nach Europa fliehen müssen. Und ich werde auch daran erinnern, dass unsere politische Kaste die Augen verschließt vor dem offenen rechtsextremen Terror, den wir leider gerade erleben müssen – in einem Land, das jahrelang die Existenz einer braunen Mörderbande namens NSU verleugnete und sich jetzt ziemlich schwer mit der gerichtlichen und politischen Aufarbeitung tut. Und ich werde weiterhin Menschen unterstützen, die nach Deutschland fliehen mussten und ihnen helfen.

Warum ich das alles mache, fragen Sie sich nun? Weil ich in einer guten Welt leben möchte … und nicht in einer voller Hass, Neid und Aggression. Online und offline. So einfach ist das.

Und wer nun wissen will, was ein solches Statement in einem Blog wie meinem zu suchen hat, dem möchte ich antworten: Weil wir uns alle gegen diese braune Brut positionieren müssen. Und zwar klar und deutlich. Denn nur gemeinsam können wir dafür sorgen, dass diese Welt ein kleines bisschen besser und damit auch menschlicher wird. Danke schön.

 

* ein paar Beispiele gefällig? Aber Vorsicht, das ist wirklich ekelhaft: Perlen aus Freithal
Bildquelle: Pixabay

Christa GoedeDie Autorin Christa Goede steckt viel Herzblut und noch mehr Expertenwissen in digitale Unternehmensauftritte: Mit individuellen Texten und Konzepten gestaltet sie Websites und Social Media-Auftritte authentisch. Ihre Erfahrung und ihr Wissen als Texterin, Konzepterin, Social Media-Managerin und Bloggerin teilt sie hier im Blog oder live in Workshops und Vorträgen.
Tel.: +49 (0) 160 – 94 44 19 34, E-Mail: mail@christagoede.de


12 Kommentare to “Über gute Menschen”

  1. Liebe Christa,
    Treffer – versenkt, Punktlandung vom Feinsten. Ich verbringe seit 4 Wochen meine gesamte Freizeit in einem Hamburger Flüchtlingscamp und bin glücklich darüber, dort mit anpacken und all dieser unfassbaren Hetze nicht nur mit Worten etwas entgegensetzen zu können. Es macht mich wütend und fassungslos, wieviele Leute die Flüchtlingsschicksale unserer eigenen Eltern und Großeltern vergessen haben. Gleichzeitig inspirieren und bereichern mich die gemeinsamen Aktionen mit engagierten Landsleuten, ebenso die Begegnungen mit anderen Kulturen, den Menschen und deren Geschichten. Ich fange an, Arabisch zu lernen – was für eine wunderschöne Sprache :-) und bin sicher: Wenn alle mithelfen, finden wir gute Wege, unser Zusammenleben hier neu zu gestalten. Auf jeden Fall: Haltung zeigen, Position beziehen! Und dafür ist dein Artikel genau richtig. Danke.
    Viele Grüße, Steffi

    • Danke, liebe Steffi <3 Und danke für deine Arbeit und deinen Bericht darüber!
      Ich bin mir sicher, dass "wir Gutmenschen" eigentlich die Mehrheit sind in diesem Land - wir müssen einfach nur sichtbarer werden.
      Ein Anfang ist gemacht ...

      Liebe Grüße sendet
      Christa

  2. Das unterschreibe ich so. Es ist wirklich schlimm zu sehen, wie unbarmherzig Teile unserer Gesellschaft geworden sind, sozialer Abbau hin oder her. Ich mag das nicht tolerieren und finde wir Blogger haben die Ressourcen und Reichweiten, ein Wörtchen mitzureden. Ich hatte mir in meinem kulinarischen Blog auch Gedanken gemacht.
    Danke für deine Worte.

      • Ich sehe das leider etwas anders: Zusammengesetzte Wörter aus Adjektiv und Substantiv wie eben „Gutmensch“, oder auch „Schönredner“, „Klugsch**sser“ etc. haben in der deutschen Sprache in aller Regel eine übertragene Bedeutung, d.h. die beiden Begriffe sind nicht wörtlich zu nennen, meist (wie oben ersichtlich) sogar ironisch zu verstehen. In meinen Augen ist ein „Gutmensch“ jemand, der gerne andere mit dem „moralischen Zeigefinger“ belehrt, Toleranz einfordert, ohne selbst tolerant zu sein und wahrscheinlich immer eine Ausrede findet, wenn man ihn bittet, anstatt „wohlfeiler“ Worte einmal tatkräftig mitzuhelfen. Wer das tut und dort nach Kräften anpackt, wo Not herrscht, ist in meinen Augen kein „Gutmensch“, sondern einfach nur ein guter Mensch 😉

        • Hallo Achim,
          erst mal danke für deinen Beitrag ;o)) Mir geht es darum, dieses Wort mal in seiner eigentlichen Bedeutung darzustellen – und da komme ich von Gutmensch auf guter Mensch. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen gute Menschen sein möchten … gerade in diesen Zeiten. Denn nur diese Menschen können einen Kontrapunkt setzen zu diesen rechtsextremen Kackbratzen, ihrem Hass und ihrer Menschenverachtung.
          Liebe Grüße
          Christa

          • „So viel Menschenverachtung und so viel Aggressivität – wo kommt das her?“

            Vielleicht weil unsere Regierung am Volk vorbeiregiert, vielleicht weil sie nur reagiert statt agiert, vielleicht weil nicht nur die braune Brühe (gab es schon in den 90ern, was wurde unternommen?) sondern auch die extr. Antifa durch die Politik und Lande zieht.
            Vielleicht weil das Volk, die Kommunen, die Helfer total im Regen stehen gelassen wurden ?…..Weil die Politik wiedermal versagt ? Vielleicht daher?

            Mich würde freuen, wenn dieses Thema mal mit einer Blog-Initiative gestartet würde.

            Refugees welcome ist selbstverständlich für die meisten Normalos, wenn ein Plan , ein Konzept zu sehen/hören ist.
            So aber wird uns das in nächster Zukunft auf die Füße fallen, auch zum Schaden der wirklich Verfolgten.

            LG Hilda

          • Hallo Hilda,
            komisch nur, dass ich auch in Deutschland lebe – und ich sehe keine „extr.“ Antifa, sondern Menschen, die sich aktiv der braunen Brühe entgegenstellen. Und ich bin auch keine braune Dumpfbratze geworden, obwohl mein Leben ebenfalls in diesem Land stattfindet. Ich finde es nicht okay, die Verantwortung ausschließlich auf „die Politiker“ oder „die Regierung“ zu schieben – denn wir alle können etwas ändern und wir alle sind auch an der derzeitigen Situation schuld. Das fängt schon beim Einkaufsverhalten im Supermarkt an und bei der fehlenden Gegenwehr in Sachen Bankenrettung hört es noch lange nicht auf … doch die meisten Menschen jammern ja lieber, wie schlecht es ihnen geht, statt aktiv etwas an der Situation zu ändern. Und viele Menschen suchen sich in ihrer miesen Situation dann noch jemanden, auf den sie herabschauen können – statt endlich selbst aktiv zu werden.

            Viele Grüße sendet
            Christa

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