Im Interview – Andrea Görsch

von am 30. Juni 2020 in Authentizität, Know-how | Keine Kommentare

„Es liegt so viel Schein in der Luft.“ 

Sketchnote Andrea GörschAndrea Görsch vom Wortladen ist genau wie ich eine Textine und damit Teil des weltbesten Netzwerks Textreff. Andreas Tipps zum korrekten Schreiben finde ich prima, denn sie helfen mir in meinem Arbeitsalltag weiter – schließlich ist Andrea nicht nur Texterin, sondern auch noch Werbelektorin.
Außerdem habe ich einen ihrer Workshops besucht zum Thema gegenderte Sprache. Hui, nun klappt das gleich viel besser mit einer Sprache, die Frauen und andere nichtmännliche Menschen nicht einfach nur „mitmeint“, sondern tatsächlich in der Sprache sichtbar macht. Schließlich denkt niemand beim Begriff Astronaut an die Astrophysikerin Sally Ride, die als erste US-Amerikanerin im Weltall war! Eine geschlechterneutrale Sprache ist also ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Gleichberechtigung – und Andrea trägt mit ihren Workshops maßgeblich dazu bei, weil sie Menschen sensibilisiert. Danke dafür ;o)


CG: Du bist Texterin, bietest Werbelektorat an und gibst in individuellen Workshops Wissen weiter – zu finden bist du unter dem tollen Namen „Wortladen“. Was macht deine Marke aus? Und wie vermittelst du diese Merkmale in deinem Außenauftritt?

AG: Meine Marke ist der Wortladen, das vermittele ich bildlich durch mein Logo: die pralle Tasche gefüllt mit Wörtern. Augenzwinkernd gesagt: „Kommen Sie rein, kommen Sie rein und gehen Sie mit wunderbaren Wörtern wieder raus.“ Auf einer anderen Ebene drückt das mein Slogan aus: „Wo Gedanken Worte werden“. Und das macht auch meine Marke aus: Ich höre zu, tauche in Gedanken anderer ein, versetze mich in mein Gegenüber, in die Zielgruppe etc. und finde als Texterin in meinem Wortladen die passenden Wörter.
In der Marke Wortladen steckt natürlich ganz viel Andrea. Das beginnt bei meiner Hausfarbe Orange, geht über meine Texte und hört im Blog nicht auf. Dort vermittele ich en passant auch immer wieder meine Haltung, heute mehr denn je.

CG: Authentizität ist ein Modebegriff – viele Unternehmen und Selbstständige schreiben sich Echt sein auf die Fahnen. Welche Bedeutung hat Authentizität für dich und deine Arbeit?

Projekt des Wortladens 2020AG: Ich kann für ein Kosmetikstudio texten, auch wenn ich selbst kaum Kosmetika benutze. In diesem Punkt muss ich bei meiner Arbeit nicht authentisch sein. Ich liefere Texte ab, die für andere authentisch sind.
Wenn ich, Andrea vom Wortladen, authentisch bin, das meinte ich oben mit Haltung zeigen, Persönliches von mir preisgebe, dann ziehe ich auch Kund*innen an, die zu mir passen. Wie etwa die Auftraggeber*innen der Broschürenreihe, die mich auch „Frau Wortladen“ nennen. Das habe ich mit den Jahren gelernt und würze deshalb meinen Internetauftritt wohldosiert mit Persönlichem. Deshalb hat Authentizität für mich als Unternehmerin auf dieser Ebene eine Bedeutung.

CG: Warum ist es so schwer für viele Menschen, individuelle Wege zu beschreiten und das zu tun, was uns wirklich ausfüllt?

AG: Oft erscheint es schwer, sich überhaupt für einen Weg zu entscheiden. Wer kann schon in jungen Jahren sagen, dass er seinen Weg gefunden hat? Ich habe mit 16 Jahren eine Ausbildung zur Bankkauffrau begonnen und mich einige Jahre später gefragt: „Wars das jetzt?“ Es wäre sehr einfach gewesen, diesen Bankkauffrauenweg mit eigenem Auto, einer Wohnung und dem regelmäßigen Gehalt weiterzugehen – aber mein Leben wäre vermutlich deutlich weniger spaßig und herausfordernd gewesen.
Ich glaube, dass viele Optionen es schwierig machen, sich zu entscheiden. Eine Entscheidung für etwas ist ja auch eine Entscheidung gegen etwas. Andererseits braucht es Schwung und Mut, um einen eingeschlagenen Weg wieder zu verlassen, vor allem, wenn er etwa wirtschaftlich rosiger erscheint.

CG: Welche Plattformen benutzt du für deinen unternehmerischen Außenauftritt? Verwendest du dort spezielle Stilmittel? Welche Strategie verfolgst du langfristig?

AG: Ich arbeite mit meiner Website und dem angeschlossenen Blog. Auf meiner Website veröffentliche ich gut sichtbar Tipps. Das war von Anfang an Teil meiner Strategie: Wissen teilen und so zeigen, dass ich Expertin bin. Viele Tipps stecken auch im Blog, dort gebe ich auch regelmäßig Buchtipps und werde ab und an persönlich. Ich setze auf Content und bereite meine Inhalte entsprechend auf.
Klar bin ich auch in den sozialen Medien unterwegs, mein liebstes Medium ist Twitter. Dort präsentiere ich mich ebenfalls als Wortexpertin, ich gebe beispielsweise jeden Mittwoch einen Tipp rund ums Texten, Lektorieren, meinen #Mittwochstweet. Ich bin auch bei Facebook zu finden, vor allem, weil sich dort viele Textinen tummeln. Ich bin auf Xing und LinkedIn, aus Spaß auf Instagram.

CG: Nach gängiger Definition resultiert Authentizität aus einem Sieg des Seins über den Schein. Doch für mich als Unternehmerin ist es nicht immer einfach zu entscheiden, wie weit meine Echtheit auf professioneller Ebene gehen darf. Wie erlebst du diese Auseinandersetzung? Hat Authentizität Grenzen?

AG: Das ist eine spannende Frage, über die ich viel nachgedacht habe: Wie viel zeige ich von mir? Ein Beispiel: Für mich war es anfangs tabu, mich als Unternehmerin politisch zu äußern. Das sehe ich inzwischen anders. Weil ich es wichtig finde, kein Teil einer stillen Masse zu sein, der scheinbar zustimmt und alles mitträgt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte vor Kurzem: „Es reicht nicht aus, ‚kein Rassist‘ zu sein. Wir müssen Antirassisten sein!“ Mehr noch, wir müssen das auch äußern und es, klar, leben. Gerade als Unternehmerin finde ich es wichtig, eine Haltung zu haben und diese zu zeigen. Quasi als Vorbildfunktion, das sehe ich inzwischen auch als meine gesellschaftliche Verantwortung an. Ist das jetzt dieses Älterwerden? ;-) Aber darüber denke ich immer wieder neu nach, auch über die Grenzen meines Echtseins. Die beginnen bei den Gedanken, die ich Menschen, die ich nicht gut kenne, nicht erzählen würde.

CG: Mit Authentizität gehen Begriffe einher wie …

AG: a. wahr (Menschen sehnen sich danach, das Echte zu sehen)
b. mutig (Oft verbunden mit der Frage, ob man gemocht wird, so wie man ist)
c. befreiend (Wow, ich kann einfach ich sein, echt jetzt?)

CG: Was glaubst du: Warum wird Authentizität von vielen Menschen ganz besonders geschätzt?

AG: Weil man spürt, wenn sie da ist – oder eben auch nicht da ist. Es liegt so viel Schein in der Luft, gerade auch in der Luft der sozialen Medien, dass es wohltuend ist, wenn man auf „echte“ Menschen trifft. Brüche spürt, Ecken und Kanten wahrnimmt, eine Unebenheit bemerkt, die charmant ist. Je mehr inszeniert wird, desto größer ist die Sehnsucht nach Echtem.

CG: Zum Schluss ein Blick in die Kristallkugel: Mit welchen Strategien wirst du in den kommenden Jahren die Aufmerksamkeit der potenziellen Kundinnen und Kunden auf dich ziehen?

AG: Fakt ist, dass ich sehr glücklich im Wortladen bin. Manchmal trällere ich mit Hannes Wader und frage mich, ob es jetzt an der Zeit wäre, was ganz and’res zu tun. Aber solange mich Kund*innen finden, die mich mit „Frau Wortladen“ ansprechen … ;-) „Vamos a ver“, wie die Spanierin zu sagen pflegt.

IAndrea Görsch, Texterin und Werbelektorinch bin Andrea Görsch, seit 2009 als Texterin und Werbelektorin mit meinem Wortladen selbstständig. Konkret: Ich texte meist B2B: Flyer, Mailings, Webseitentexte … Als handwerklichen Ausgleich schätze ich das Werbelektorat: Regeln anwenden, einen möglichst korrekten Text abliefern. Seit Kurzem gebe ich mein Wissen auch in Workshops weiter. Ich bin im Texttreff aktiv, zudem bin ich Gruppensprecherin der Regionalgruppe Niedersachsen des Verbandes der Freien Lektorinnen und Lektoren, VFLL. Meist nehme ich mir noch Zeit für ein „echtes“ Ehrenamt, hoffentlich kann ich bald wieder Lesementorin für eine Grundschülerin sein.

Bildquellenangabe: Sketchnote Ania Groß, Portraitfoto Daniel George, Broschüren Andrea Görsch

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