Im Interview – Michael Geiß-Hein

von am 10. April 2018 in Know-how | Keine Kommentare

„Es gibt zu viel Schein und zu wenig Sein im Leben.“

Michael Geiß - PorträtMichael Geiß-Hein aka Mister Maikel kenne ich schon viele Jahre: Wir haben zusammen die Kundenzeitschrift eines gemeinsamen Auftraggebers betreut – und mittlerweile auch noch ganz viele weitere Text-, Konzeptions- und Websiteprojekte zusammen gewuppt. Die Zusammenarbeit mit Michael ist super, denn er hat tolle Ideen, arbeitet entspannt, denkt und handelt pragmatisch und hat immer das große Ganze im Blick. Außerdem macht er ab und zu tolle Infografiken für mein Blog, in denen er meine Inhalte visualisiert und damit für Social Media perfekt teilbar macht.

Beeindruckt hat mich sein Entschluss, sich aus einer Festanstellung mit Option auf Übernahme einer Agentur zu lösen und sich stattdessen mit Leib und Seele in das Freiberufler-Dasein zu stürzen. Das war bestimmt kein ganz leichter Schritt, wenn man Familie hat und ein Häuschen im Grünen. Aber Michael ist ja genau wie ich chronischer Optimist ;-) . Deswegen – und natürlich auch, weil ich seine tolle Arbeit kenne und sehr schätze – bin ich felsenfest davon überzeugt, dass er dieses Vorhaben wuppen wird! Und ich hoffe, dass wir auch weiterhin immer mal wieder gemeinsame Projekte beackern und Kunden glücklich und zufrieden machen werden.


CG: Authentizität ist ein Modebegriff – viele Unternehmen und Selbstständige schreiben sich Echt sein auf die Fahnen. Welche Bedeutung hat Authentizität für dich und deine Arbeit.

MG: Authentizität im Beruf bedeutet für mich in erster Linie Ehrlichkeit dem Kunden gegenüber. Das heißt konkret, ich berate den Kunden nicht so, wie er es gerne hätte, sondern wie ich es für ihn als richtig halte. Das ist nicht immer einfach für meinen Gegenüber, denn Ehrlichkeit kann auch ganz schön unangenehm sein. Aber nur, wenn mein Gegenüber das Gefühl hat, ich nehme ihn ernst, wird er sich mir auch öffnen und mir Einblicke gewähren, die nur mit so einem Vertrauen möglich sind. Das ist enorm wichtig für meine Art zu arbeiten, denn ich möchte den Kunden mit in die Entwicklung des Projekts mit einbeziehen. Meines Erachtens sind die Zeiten, in denen man sich als Kommunikations-Designer in sein Atelier eingeschlossen hat und irgendwann mit fertigen Produkten rauskam, vorbei. Das heißt aber auch im Umkehrschluss, dass der Kunde selbst auch authentisch sein muss, ansonsten passt das Endergebnis nicht zu ihm.

CG: Seit Okt. 2017 bist du nun voll selbstständig als Visualisierer und hast deinen gut bezahlten Job in einer Werbeagentur gekündigt. Hand aufs Herz: Welche Bedenken hattest du auf dem Weg hin zu diesem radikalen Schritt?

Michael Geiß bei der ArbeitMG: Da muss ich ein bisschen ausholen. Vor zwei Jahren stand ich vor der Entscheidung die Agentur, in der ich damals gearbeitet habe, übernehmen zu können. Ab da reifte etwas in mir, ich fand den Gedanken, mein eigener Chef zu sein, total spannend. Zu der Zeit machte ich schon die ersten großen Schritte als Visualisierer und wurde oft als Graphic Recorder angefragt. Irgendwann wurde mir klar: Ja, ich will mein eigener Chef sein, aber nicht Chef einer Agentur mit Mitarbeitern – zu viel Verantwortung und zu weit weg von meinen Bedürfnissen als Kreativer. Als es dann ernst wurde und mein letzter Tag immer näherkam, nahmen auch meine Ängste ganz klassische Züge an: Kann ich meine Familie versorgen? Kann ich die Rate fürs Haus bezahlen? Kann ich mit 40 diesen Schritt wagen? Kann ich die unternehmerischen Hürden und Herausforderungen meistern? Und so weiter …
Dann wurde mir klar, da spricht mein Vater, da mein ehemaliger Ausbilder, da der Nachbar, hier die ehemalige Lehrerin aus mir! Das waren alles Fragmente meiner kulturellen und gesellschaftlichen Erziehung, die da aufploppten, aber das war nicht die ganze Wahrheit. Denn ich wollte auch frei von fremder Autorität sein, wollte meinen Weg gehen, wollte meine Kreativität so umsetzen, wie ich will, und wollte etwas Neues wagen – das war auch Teil meines „Ich“. Letztendlich war die Selbstständigkeit der nächste logische Schritt in meiner Entwicklung, sagte mir mein Bauchgefühl. Und so wagte ich den Schritt, und es war der einzig Richtige.
Was das Bauchgefühl angeht, ich glaube, dass es authentischer nicht geht. Mein Umfeld wusste übrigens schon vorher, wie meine Entscheidung sein wird – alle haben nur noch darauf gewartet, dass ich es ausspreche. Das hat mich total umgehauen, denn so hat es sich für mich nicht dargestellt. Ich war innerlich total zwischen Aufbruch und Zweifel hin und hergerissen, während mir meine Entscheidung äußerlich wohl schon auf der Stirn stand.

CG: Warum ist es so schwer für uns alle, individuelle Wege zu beschreiten und das zu tun, was uns wirklich ausfüllt?

MG: Wie oben schon erwähnt, glaube ich, dass unsere kulturelle und gesellschaftliche Erziehung uns das Wegdenken von jeglichen Normen austreiben möchte. Das fängt leider schon in frühen Jahren an – bei uns wird so viel linear gedacht. Wer bringt einem denn noch das non-lineare Denken bei? Wer akzeptiert denn schon einen Querulanten, einen Freigeist, einen Andersdenker oder wie auch immer man das nennen mag? Überhaupt: Wo sind denn die ganzen Querdenker?
Wir passen uns so an die vorgegebenen Rahmen an und verlernen dadurch wir Selbst zu sein – das verkümmert einfach. Viele vertrauen offensichtlich nicht mehr ihren eigenen Bedürfnissen, zweifeln an ihren Wünschen und sind dann nicht sie selbst, sondern passen sich an. Ich habe auf einer Veranstaltung einen schönen Satz gehört, der für mich was mit Individualität und Glück zu tun hat: „Gutes Leben hat was mit der Artikulation von Wünschen zu tun“. Das ist für mich der erste Schritt zur Individualität, ohne dabei egoistisch zu wirken. Denn nicht jeder meiner Wünsche lässt sich erfüllen. Aber diesen Wunsch konkret auszusprechen und sich dessen bewusst zu sein, lässt mein Selbstbild klarer werden. Ich lerne mich besser kennen. Dafür braucht es dann Mut, um sich zu artikulieren und um auch mal mit einem Wunsch zu scheitern. Dabei glaube ich, dass nur wer sich selbst zu lässt, auch authentisch handeln kann.

CG: Welche Plattformen benutzt du für deinen unternehmerischen Außenauftritt? Verwendest du dort spezielle Stilmittel?

MG: Ich benutze ganz klassisch meine beiden Internetauftritte www.mistermaikel.de und www.viztank.de, um mich, mein Team und meine Leistungen zu präsentieren. So unaufgeregt wie möglich, um eine breite Zielgruppe anzusprechen – trotzdem steckt überall mein Alter Ego „Mister Maikel“ drin. Auf Instagram und Twitter bin ich sehr aktiv und zeige gerne, was ich mache. Da ich meine Kreativität und Leidenschaft auch privat auslebe, vermischen sich hier die Beiträge oft – trotzdem steht immer das Visualisieren im Vordergrund. Alles, was drum herum passiert, hat für mich im Social Media keine Relevanz und ich möchte das auch nicht zeigen.

Michael Geiß macht VisualisierungenCG: Nach gängiger Definition resultiert Authentizität aus einem Sieg des Seins über den Schein. Doch für mich als Unternehmerin ist es nicht immer einfach zu entscheiden, wie weit meine Echtheit auf professioneller Ebene gehen darf. Wie erlebst du diese Auseinandersetzung? Hat Authentizität Grenzen?

MG: Da schwirrt mir grad ein Bild durch den Kopf. Meine Authentizität ist an einen Regler gekoppelt – so wie der Lautsprecherregler der Stereoanlage. Ich vertraue auf mein Gefühl, wie viel Mister Maikel der Kunde vertragen kann. Es ist dann nicht so, dass ich mich verstelle, ich dosiere nur anders. Damit fahre ich ganz gut, und der Regler dreht sich dann bei längerer Kundenbegleitung und steigendem Vertrauen meistens höher.

CG: Mit Authentizität gehen Begriffe einher wie …

MG: Mut – braucht es, um zu sich selbst zu stehen, mit allen Stärken und Schwächen. Humor – sich nicht allzu ernst zu nehmen und auch mal über sich selbst lachen hilft ungemein, bei sich selbst zu sein. Scheitern – zu akzeptieren, dass man auch scheitern darf, erweitert die Persönlichkeit und löst anerzogene Blockaden.
Ein Versuch alle drei Begriffe zusammenzubringen: Es braucht Mut, sich selbst zu erforschen, und wenn man dabei mal stolpert, hilft der Humor, darüber wegzukommen.

CG: Was glaubst du: Warum wird Authentizität heute besonders geschätzt?

MG: Es gibt halt zu viel Schein und zu wenig Sein im Leben, das merken die Menschen. Der Schein ist selten griffig oder polarisierend, er versucht immer perfekt zu sein. Das ist doch total langweilig. Das Sein ist da viel interessanter und bringt diese ganzen tollen Eigenschaften mit: Es ist kantig, griffig, unangepasst, es lacht aus vollem Herzen (auch mal an der falschen Stelle ;-) ), es ist ehrlich und sympathisch und so großartig unperfekt. Ich glaube, die Menschen sehnen sich nach diesem Typus Mensch.

CG: Zum Schluss ein Blick in die Kristallkugel: Welche unternehmerischen Strategien werden in den nächsten Jahren Interesse wecken – und zum Beispiel aus Interessierten Käuferinnen und Käufer machen?

MG: Gute Frage. Ich denke, egal, wie die Strategie aussieht – sie muss klar erkennbar sein und dann wird sie die passenden Menschen ansprechen. Der größte Fehler ist, zu glauben, dass es die EINE Strategie gibt. Denn wenn die Strategie nicht wandelbar ist, wird sie nicht lange Bestand haben. Dafür entwickelt sich die Welt viel zu schnell.


Michael Geiß-HeinMister Maikel ist Michael Geiß-Hein: Geboren an einem heißen Junitag im Jahr 1976 in Waldshut-Tiengen, aufgewachsen am Hochrhein im schönen Klettgau. Im Jahr 2005 zum Studieren nach Mainz ausgewandert, 2009 das Diplom gemacht, seit 2010 als Kommunikations-Designer unterwegs. 2013 habe ich erste Schritte in Sachen Graphic Recording und Visualisierungen gemacht – ein Jahr später waren Graphic Recording/Visual Facilitation und Sketchnotes fest in meinem Portfolio verankert. Seit 2015 biete ich den Visualize4job-Workshop  an: Hier vermittle ich Visualisierungstechniken, die im Business-Alltag eingesetzt werden können. Seit 2017 bin ich als Visualisierer selbstständig. 

Bildquellenangabe: Michael Geiß-Hein

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