Im Interview – Peter Reichard

von am 21. November 2018 in Authentizität, Know-how | Keine Kommentare

„Kunden spüren, wenn du versuchst, jemand anderen darzustellen.“

Peter Reichard von den GenussverstärkernMit Peter verbinden mich gleich mehrere Dinge, aber zwei sind zentral: Unsere Leidenschaft für Punkrock und gute Weine. Doch wir treffen uns nicht nur auf Konzerten oder manchmal donnerstags auf dem Märktchen in Offenbach, sondern auch mal in politischen Zusammenhängen. Denn wir beide sind der Meinung, dass sich in diesen Zeiten auch Unternehmerinnen und Unternehmen klar positionieren dürfen – ja, sogar müssen!  Noch ein Punkt fällt mir ein: Wir sind beide auf der Unterseite des linken Unterarms tätowiert – und zwar mit Dingen, die wir toll finden. ;-)
Wer von euch mal in Offenbach ist, sollte unbedingt bei Peter im Laden vorbei schauen. Oder eins seiner Tastings besuchen. Es lohnt sich.


CG: In deinem Offenbacher Laden „die Genussverstärker“ verkaufst du Wein, Whiskey und Gin. Außerdem organisierst du wunderbare Verkostungen und berichtest von deinen tollen Reisen zu den Destillerien in Schottland. Immer dabei: Ska und Punkrock, deine Lieblingsmusik. Wie ist das, wenn du im Laden stehst und Kunden berätst: Wie viel „Peter“ ist dabei?

PR: Im Laden und bei den Tastings gibt es immer 100 % Peter. Für mich ist das ja nicht nur ein Job, sondern pure Leidenschaft. Zudem bin ich der festen Meinung, dass, die Kunden und Gäste spüren, wenn du dich zurücknimmst, wenn du versuchst, jemand anderen darzustellen. Bei Whisky erwartet möglicherweise der/die ein/e, dass dauernd Irish Folk läuft und ich selbst im Kilt herumspringe. Aber das bin nicht ich. Meist läuft im Laden eher Ska, Punk oder Oi-Musik im Laden, und in einen Kilt bekommst du mich nicht rein. Das hat für mich so etwas aufgesetztes Folkloristisches. Von daher verkleide ich mich weder für die Zeit im Laden noch während der Tastings oder Messen.
Als ich in den ersten Jahren (2001–2018) noch als Grafiker arbeitete, hab ich diesen Fehler anfänglich gemacht: Ich hab mich in schlecht geschnittene Sakkos gezwängt etc. Aber ich hab mich damit nie wohlgefühlt und es auch irgendwann sein lassen. Shirts mit diversen Bandmotiven oder politischen Statements, Jeans, Sneaker oder Doc Martens sind mein normales Outfit, darin fühl ich mich wohl. Und nicht selten sagt jemand: „Ach, cooles Shirt, bei der Band war ich auch schon““ oder „Gutes Shirt mit klarer Aussage!“

CG: Authentizität ist ein Modebegriff – viele Unternehmen und Selbstständige schreiben sich Echt sein auf die Fahnen. Welche Bedeutung hat Authentizität für dich und deine Arbeit?

PR: In Mode kam der Begriff ja, weil so viele Menschen sich verkleiden – in Kleidung und Verhalten –, wenn sie in ihren Jobs sind. Oft genug färbt das nach und nach auf ihr Privatleben ab. Schlimm genug eigentlich, dass Menschen für ein Leben, wie man es leben möchte, einen Begriff benötigen. „Ich bin ich“ und bestimmt gibt es Kunden, die damit nicht umgehen können oder wollen. Aber vermutlich passen diese Menschen auch gar nicht zu mir. Der Begriff spielt als Wort keine große Rolle bei mir, aber eben als Idee, die dahinter steht: Lebe dein Leben und nicht das anderer.
Aber ich gebe zu bedenken, dass Authentizität nicht per se positiv zu sehen ist. Nur ein Beispiel: Jemand, der 20 Jahre Berufssoldat mit Befehlsgewalt war, wird vermutlich seinen Umgangston auch in einem späteren Job mitbringen. Das ist dann auch authentisch. Auch ein Rassist kann absolut authentisch rassistisch sein, und so weiter.

CG: Warum ist es so schwer für uns Menschen, individuelle Wege zu beschreiten und das zu tun, was uns wirklich ausfüllt?

PR: Ich denke, dass da vor allem gesellschaftliche Zwänge wirken. Aber auch die Angst, zu scheitern bzw. Nachteile zu spüren aufgrund von Ideen, Äußerlichkeiten etc., die nicht dem Mainstream entsprechen. Ob das wirklich dazu kommt, wage ich in vielen Fällen zu bezweifeln – zumindest was Mode, Musik, Äußerlichkeiten angeht. Bei politischen Einstellungen ist das schon anders und schwieriger. Aber das ist ja nicht nur im Berufsleben so.

CG: Welche Plattformen benutzt du für deinen unternehmerischen Außenauftritt? Verwendest du dort spezielle Stilmittel?

PR: Neben der eigenen Website nutze ich in erster Linie Twitter, Facebook und Instagram. Ich teile dort die Termine für unsere Tastings, stelle aber auch viele Produkte wie Weine, Whiskys oder Gins vor. Im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmen geben vor allem die Social-Media-Profile auch einen Einblick in mein privates Leben, denn ich trenne da bewusst nicht. Also gibt es da Bilder von Konzertbesuchen, von meinem Frühstückskaffee, von meiner ständig wachsenden Vinyl- & CD-Sammlung oder auch von antifaschistischen Aufklebern, die mir gefallen.

CG: Nach gängiger Definition resultiert Authentizität aus einem Sieg des Seins über den Schein. Doch für mich als Unternehmerin ist es nicht immer einfach zu entscheiden, wie weit meine Echtheit auf professioneller Ebene gehen darf. Wie erlebst du diese Auseinandersetzung? Hat Authentizität Grenzen?

Aufkleber an LaternenmastPR: Ich bin seit Jahrzehnten antirassistisch-antifaschistisch engagiert und das sind für mich Grundwerte meines Leben. Das spiegelt sich auch im Laden wieder, aber sicherlich nicht so tief greifend wie in meinem privaten Leben. Aber wir unterstützen nicht nur Initiativen wie die Seebrücke, Demo gegen Mietwahnsinn etc., sondern zeigen unser Engagement auch im Laden – zum Beispiel durch Plakate, Flyer, etc., die wir auslegen. Oder mit unseren eigenen Aufklebern wie „Love Wine – Hate Racism“ oder „Love Wine – Hate Homophobia“. Des Weiteren bringe ich politische Themen auch in den Tastings mit ein – bei Rum-Tastings etwa den Punkt Sklaverei und Rassismus. Und wir äußern uns politisch auf unserer Website oder in Social Media. Bisher gab es zumindest kein direktes negatives Feedback, sondern eher positive Reaktionen dazu.

CG: Mit Authentizität gehen Begriffe einher wie …

PR: a. Ehrlichkeit – Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und gegenüber den Kunden/Gästen
b. Respekt – ich respektiere auch meine Kunden. Was jedoch nicht heißt, dass ich Rassismus, Homophobie oder andere reaktionäre Haltungen toleriere. Doch nur wenn ich respektiere, kann ich Respekt mir gegenüber erwarten.
c. Nichtssagende Plattitüde – ein Wort, welches meiner Meinung nach immer häufiger als werbewirksamer Begriff verwendet wird.

CG: Was glaubst du: Warum wird Authentizität von vielen Menschen ganz besonders geschätzt?

PR: Sicherlich ist da dieser Aspekt der Ehrlichkeit. Und ich meine, dass es Menschen auch Mut machen kann, wenn man zeigt, dass man mit Authentizität zumindest nicht in erster Linie Nachteile hat. Vielleicht nicht 1:1 wie bei mir als Selbstständiger in einem Bereich, der eben nicht von so vielen Konventionen geprägt ist. Doch anderseits denke ich, dass derjenige, der sich verstellt und mit angezogener Handbremse fährt, seine Kunden nicht auf Dauer begeistern kann.

CG: Zum Schluss ein Blick in die Kristallkugel: Welche unternehmerischen Strategien werden in den nächsten Jahren Interesse wecken – und zum Beispiel aus Interessierten Käuferinnen und Käufer machen?

PR: Das ist immer schwierig vorherzusagen: Einfach so bleiben, wie ich bin und Service, beste Produkte, gute Beratung mit den ganzen besonderen Eigenheiten verbinden. Trotz aller Social-Media-Möglichkeiten ist es für uns immer noch wichtig, eine Verbindung mit den Menschen vor Ort aufzubauen, damit die Kunden sich bei uns wohlfühlen. Ganz egal, wie du zu uns kommst, tätowiert oder nicht, Jeans oder Anzug, Punk oder Technofan … du sollst dich wohl und ernst genommen fühlen.

Peter ReichardPeter Reichard: Ein Jahr nach dem Spirit of 69 das Licht der Welt im schönen Saarland erblickt und 1996 im Rhein-Main-Gebiet gelandet. Genuss, Musik und Haltung gehören zusammen. Liebt es, tagtäglich mit Menschen zu tun zu haben, für sie das Richtige zu finden. Leidenschaft, aber auch Hintergrundwissen weiterzugeben und das alles andere als steif, versnobt oder dekadent wirkend. Alles nach dem Motto: Schmeckt oder schmeckt nicht … und das entscheidet jeder selbst.

Bildquellenangabe: oben Percy Walther, alle anderen Peter Reichard

 

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