Im Interview – To Kühne

von am 16. Oktober 2014 in Authentizität, Know-how | Keine Kommentare

 

„Meine Eltern nannten es Dickköpfigkeit.“

Der To-kerWoher und wie lange ich To kenne, weiß ich gar nicht so genau – vermutlich haben wir uns auf einem der zahlreichen Punkrock- oder Rock’n’Roll-Konzerte in Frankfurt kennengelernt.
Eins wusste ich aber sofort: To ist ein Ereignis – und passt damit perfekt in meine Interviewreihe „Authentizität und Unternehmertum“. Seine Offenheit, mit der er sich selbst inszeniert und präsentiert, hat mich ziemlich beeindruckt – und seine Fotos mit ihren vielen Kleinigkeiten und Anspielungen mag ich sehr! Ich freue mich sehr darüber, ihn und seine ebenfalls ganz bezaubernde Gattin zu meinem Freundeskreis dazuzählen zu können.
Übrigens: Der TO-KER hängt bei mir in der Küche und verbreitet Bombenstimmung 😉

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CG: Authentizität wird gerade zu einem Modebegriff – immer mehr Unternehmen schreiben sich Echt sein auf die Fahnen. Welche Bedeutung hat Authentizität für dich und deine Arbeit?
TK: Echt? Authentizität ist gerade in Mode? Okay, es ist wenigstens sinnvoll, wenn sich der eine oder andere zumindest mal dank dieser Modeerscheinung mit dem Thema beschäftigt.
Ich habe mir nie wirklich Gedanken über dieses Thema gemacht – vielmehr hat sich für mich nie eine Alternative dazu gestellt. Ob in meiner Schulzeit, Studium oder Berufsleben. Meine Eltern nannten es Dickköpfigkeit, und auch sonst bin ich damit in frühen Jahren des Öfteren angeeckt. Das hat sich insofern auf mein Berufsleben ausgewirkt, dass ich nun seit fast 30 Jahren selbstständig bin und gleichzeitig versuche, mich so wenig wie möglich zu verkaufen.

CG: Welche Plattformen benutzt du für deinen unternehmerischen Außenauftritt? Verwendest du dort spezielle Stilmittel?
TK: Die Plattformen sind für meine rein „seriöse“ Arbeit als Fotograf meine eigenen Webseiten und XING. In den Bereichen, in denen es bunter, schriller und künstlerischer wird, benutze ich eher Facebook, Pinterest sowie diverse Foto- und Kunstforen.

CG: Auf deiner Facebook-Fanpage stellst du dich selbst vor mit dem Satz: „Die Kunst, sich selbst zu lieben … und ein, zwei Andere vielleicht.” Diese schöne Botschaft geht weit über die klassische Selbstdarstellung eines Fotografen und Künstlers hinaus – hat es dich Mut gekostet, sie aufzuschreiben?
TK: Nein. Doch ich werde gerne gefragt, ob dieser Satz was mit Narzissmus zu tun hat. Nein, hat er nicht. Natürlich mag ich mich, aber ursprünglich stammt dieser Satz vom Buddhisten in mir, der versucht, den Buddha in sich selbst zu finden. Denn man kann niemanden anderen lieben, wenn man es nicht mal schafft, sich selbst zu lieben.

CG: Warum ist es deiner Meinung nach so schwer, individuelle Wege zu beschreiten und zu seiner Persönlichkeit zu stehen?
TK: Unsere Gesellschaft ist leider nicht mehr auf Individualisten ausgelegt. Es geht eher darum zu funktionieren. Ich bin ein Kind der 80er: Wir konnten bunt und schrill sein – oder eben auch nicht. Es ging darum seinen Stil zu finden, sich zu erfinden. Ich habe das Gefühl das Interesse daran besteht gar nicht mehr. Uns lag noch die Welt zu Füßen. Die Welt formierte sich neu. Grenzen brachen auf. Virtuelle Welten wurden entdeckt.
Heute geht es immer mehr darum, Grenzen zu schaffen. Die virtuellen Welten scheinen uns mehr einzuengen als zu befreien. Die globale Welt verschließt sich immer mehr, Staaten wollen wieder unabhängig sein. Werte, die uns durch unsere Sozialisation vermittelt wurden, zerbröckeln und haben keine Bedeutung mehr. An wem sollen sich Jugendliche orientieren? Statt zu entdecken und auszuprobieren, eifern sie künstlichen Idolen nach, um spätestens und im besten Falle nach dem Abitur zu merken, dass das so nicht funktioniert. Im Anschluss reihen sie sich ein in den Rest.

CG: Nach gängiger Definition resultiert Authentizität aus einem Sieg des Seins über den Schein. Doch für mich als Unternehmerin ist es nicht immer einfach zu entscheiden, wie weit meine Echtheit auf professioneller Ebene gehen darf. Wie erlebst du diese Auseinandersetzung? Hat Authentizität Grenzen?
Beim FriseurTK: Also wie oben schon erwähnt, splitte ich meinen öffentlichen Auftritt ein wenig. Es ist zwar so, dass alles irgendwie untereinander verlinkt ist, aber zumindest der jeweilig erste Eindruck unterscheidet sich. Ich denke, wenn ein Unternehmen einen guten Peoplefotografen braucht, um den Vorstand ablichten zu lassen, interessiert es sich nicht für meine Ausstellungsreihe mit Nackten oder Tätowierten. Andersrum glaube ich, dass ich den Kunstinteressierten mit Fotos von irgendwelchen Bankern auch nur langweile. Insofern sehe ich es als eine Art Weiche, um das Zielpublikum zu leiten. Bin ich deswegen einer der beiden Interessentengruppen gegenüber nicht authentisch? Ich denke nicht, denn ich verstecke ja die jeweils andere Seite nicht. Und ich habe auch kein Problem damit, bei einem Unternehmen im Anzug aufzutreten und in der Kunstgemeinde mit Bomberjacke. Denn beides bin ich.

CG: Mit Authentizität gehen Begriffe einher wie ….
TK: a. Ehrlichkeit. Anderen und vor allem mir selbst gegenüber.
b. Selbstbewusstsein.
c. Luxus. Ich empfinde es als Luxus, dass ich so leben darf und irgendwie damit durchkomme. Ich denke, dass ich mit Sicherheit an mancher Stelle erfolgreicher wäre, wenn ich mich mehr verstellen und verkaufen würde. Doch ich möchte so nicht leben. Und solange ich es mir leisten kann, werde ich es auch nicht. Aber mir ist dieses Privileg bewusst, das ich mir aber auch durch viel Verzicht erarbeitet habe. An dieser Stelle möchte ich kurz erwähnen, dass mir meine Art zu leben fast mehr Bereiche in der Kunstszene versperrt, als in der seriösen Geschäftswelt. Denn Anpassung wird in beide Richtungen gefordert.

CG: Welches Handwerkszeug und welche Methoden verwendest du, um deine authentische Unternehmerpersönlichkeit nach vorne zu bringen? Hast du Tipps, was besonders gut funktioniert?
TK: Handwerkzeug klingt so künstlich, ein wenig wie ein Trickdieb. Es gibt einfach gewisse Regeln in allen Bereichen, und ich muss entscheiden, inwieweit ich bereit bin, da mitzuspielen. Beispiel: Anzug tragen bei der Konzeptvorstellung in einer Bank. Im Grunde genommen braucht man nur einen kleinen Türöffner: Das heißt, du musst am Anfang solchen Regeln einhalten. Wenn du es aber nicht schaffst, die Leute durch deine Persönlichkeit zu überzeugen, dann hast du sowieso verloren. Wenn du sie überzeugt hast von dir, sind die Regeln sehr dehnbar und oft zu vernachlässigen. Ein Beispiel hierzu: Ich hatte vor ein paar Jahren die Chance, 9.000 Quadratmeter einer Bank mit Kunst zu gestalten. Hierfür habe ich ein Konzept erstellt und tatsächlich den Zuschlag bekommen. Es war ganz normal für mich die Kleiderordnung bei Meetings einzuhalten.
Baywatch-StarWährend des Projekts hatte ich eine Vernissage, und es gab diverse Artikel in Zeitungen darüber. In der Bildzeitung war ein ganzseitiger Artikel mit vielen Fotos. Eines davon zeigte mich als Baywatch-Star mit nacktem, voll tätowiertem Oberkörper. Die Geschäftsführer der Bank kamen danach auf mich zu und sagten nur, dass ich sie aber das nächste Mal zur Vernissage einladen müsse. Hätten sie im Vorfeld solche Bilder von mir gesehen, hätte ich den Job nie bekommen – ganz egal, wie gut mein Konzept gewesen wäre.
Um auf die Frage zurückzukommen: Es ist wichtig, ein freundlicher, offener Mensch zu sein. Und es ist wichtig, immer zu schauen, zu was man bereit ist, ohne sich zu verraten.

CG: Was glaubst du: Warum werden öffentliche Gefühlsausbrüche von Persönlichkeiten heute besonders geschätzt? Der Wutausbruch von Bundesaußenminister Steinmeier hat viel öffentliche Bewunderung erfahren und ist zum echten Youtube-Hit geworden mit mittlerweile mehr als 2,6 Mio. Klicks.
TK: Lautes Trommeln hat schon immer mehr Lärm gemacht als stilles Summen. Aber wenn viele still summen, wird dieses Summen irgendwann das Trommeln übertönen.

CG: Zum Schluss ein Blick in die Kristallkugel: Welche unternehmerischen Strategien werden in den nächsten Jahren Interesse wecken – und zum Beispiel aus Interessenten Käufer machen?
TK: Ich glaube, dass meine künstlerische Zukunft tatsächlich eher im Ausland liegt. In Deutschland ist der Kunstmarkt zu klein und auch zu ängstlich, um Wagnisse einzugehen und Offside-Künstlern wie mir eine Chance zu geben. Galeristen rühmen sich zwar gerne mit neuen, unentdeckten Künstlern, aber nur dann, wenn diese einen Meisterschulabschluss einer renommierten Kunstakademie haben. Das ist im Ausland ein bisschen anders. Außerdem bin ich dort der deutsche Exot 😉

CG: Danke, lieber To, für diese spannenden Einsichten in deine einmalige, kreative und sehr sympathische Welt!

To KühneTo Kühne ist seit mehr als 20 Jahren aktiv als Kunstschaffender in den Bereichen Malerei, Fotografie und Musik. Seine Fotos sind geprägt den Eindrücken, die bei seiner Arbeit für Rock’n’Roll-, Theater-, Film- oder Werbeproduktionen gesammelt hat – so sind seine Bilder meist bis  ins kleinste Detail inszeniert und stark nachbearbeitet. Mit seiner wechselnden Wanderausstellung „Die Kunst, sich selbst zu lieben“ ist er schon seit Jahren in ganz Deutschland unterwegs.

To im Internet: Website, Facebook-Fanpage 

Bildquellenangabe: To Kühne

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