Im Interview – Tina Pruschmann

von am 27. August 2020 in Authentizität, Know-how | 2 Kommentare

„Ich frage mich, was dieses Sein hinter dem Schein sein soll.“

Tina PruschmannMit Tina verbindet mich … *Trommelwirbel* … das gemeinsame Netzwerk Texttreff. Außerdem haben wir beide eine Vorliebe für ein gutes Glas Wein oder auch zwei. Und wir mögen politische Gespräche – gerne auch kontrovers. Unvergessen für mich auch eine Barcamp-Session, in dem wir Klischees über Ossis und Wessis herausgearbeitet haben. Hui, das ging hoch her!

Tina ist ein nachdenklicher Mensch, sie hinterfragt Dinge tief und setzt sich mit Themen intensiv auseinander. Und so finde ich ihre Auseinandersetzung mit dem Begriff „Authentizität“ in diesem Interview sehr spannend! Sie ist auch die Erste, die in dieser Interviewreihe auf Mörder* zu sprechen kommt. Aber lest selbst – doch werft das Hirn vorm Lesen an, es gibt Futter ;o)


CG: Du schreibst Bücher – vom Roman bis hin zur Dokumentation über einen Nonnenorden. Oder arbeitest als Ghostwriterin. Außerdem organisierst du politische Veranstaltungen zum Thema Flucht und Heimat. Und du schreibst Medizintexte. Gibt es eine große Klammer um diese Themenvielfalt und dein Engagement?

TP: Ich denke nicht. Es käme mir konstruiert vor, die Dinge thematisch zusammenzuheften.
Mit den Medizintexten, mittlerweile mehr mit Projektkoordination, verdiene ich Geld und es macht mir Freude. Das politische Engagement, seit einem Jahr bin ich SPD-Mitglied, ist mir wichtig, weil ich das Küchentischgemeckere so satthatte. Ich will nicht sagen, dass ein politscher Disput bei diversen Gläsern Rotwein keinen Spaß macht. Im Gegenteil. Aber ich hatte Lust, mich an politischen Entscheidungsprozessen direkter zu beteiligen. Schon als einfaches Parteimitglied ist man angreifbarer. Erst dann wird es doch interessant. Was mich aber im existenziellen Sinn trägt, ist die Literatur. Bis jetzt ist es mir noch nicht gelungen, davon zu leben. Ich fürchte auch, dass mir ein reines Autorinnenleben zu ereignisarm wäre.

CG: Was macht deine Personenmarke aus?

TP: Ich glaube nicht, dass ich eine Personenmarke bin.

CG: Authentizität ist ein Modebegriff – viele Unternehmen und Selbstständige schreiben sich Echt sein auf die Fahnen. Welche Bedeutung hat Authentizität für dich und deine Arbeit?

Tina Pruschmann in der Black BoxTP: Mit dem Begriff Authentizität habe ich so meine Probleme. Ich habe gelesen, dass authentisch im Griechischen ursprünglich den Mörder, genauer gesagt den Selbst- oder Verwandtenmörder, später den Herren und Gebieter, auch den, der die Tat verübt, bezeichnete. Ich weiß nicht, ob diese Herleitung sprachgeschichtlich haltbar ist, aber sie hat mir gut gefallen. In der marketingmäßigen Verwendung des Begriffs wird authentisch sein ja nur so lange empfohlen, wie sich diese authentischen Eigenschaften einer Person vermarkten lassen. Die Mörder und Gebieter fehlen.
Wenn wir authentisch sagen, meinen wir, sich nicht zu verstellen, der/die zu sein, der/die man ist. Um ehrlich zu sein, ich will gar nicht wissen, wer ich bin. Was den Beruf betrifft ging und geht es mir darum, Rollen zu finden, mit denen ich einigermaßen souverän umgehen kann, die mir die Freiheit geben, zu tun, was mir entspricht und Seiten von mir zu zeigen, die ich mag. Momentan gelingt mir das ganz gut. Ich weiß aber auch, dass das ein Zustand auf Abruf ist. Das Beständigste ist die Literatur. Die Literatur ist sowieso die Ausnahme. Da sind die Erwartungen am wenigsten definiert, die Lust ist am größten, die Angst vor dem Scheitern aber auch.

CG: Warum ist es so schwer für viele Menschen, individuelle Wege zu beschreiten und das zu tun, was uns wirklich ausfüllt?

TP: Ob es vielen Menschen schwerfällt, vermag ich nicht zu sagen. Bei mir war es so, dass ich sehr lange nicht wusste, welche Aufgaben mich über eine spontane Begeisterung hinaus tragen. Das hatte auch mit Zuschreibungen zu tun. Zum Beispiel wird ja Mädchen ganz gern vermittelt, dass soziale Berufe eine tolle Sache sind. So war es bei mir auch. Es führte dazu, dass ich nach einem abgebrochenen Jurastudium Ergotherapie gelernt und bereits im ersten Praktikum gemerkt habe, dass mir ein Beziehungsberuf unfassbar schwerfällt. Ich habe die Ausbildung trotzdem abgeschlossen, zwei Jahre in dem Beruf gearbeitet und dann, neben einem Soziologiestudium, an einer Ergotherapieschule unterrichtet. Wieder ein Beziehungsberuf. Zusammengenommen habe ich mehr als zehn Jahre in Berufen gearbeitet, die mir nicht liegen. Die Pointe ist, dass ich genau in diesem Konflikt, der mich brutal mit meinen Schwächen konfrontiert hat, wahnsinnig viel gelernt habe. Zum Beispiel habe ich einiges von meiner Angst verloren, auf Menschen zuzugehen, in der Öffentlichkeit zu sprechen, solche Dinge.

CG: Welche Plattformen benutzt du für deinen unternehmerischen Außenauftritt? Verwendest du dort spezielle Stilmittel? Welche Strategie verfolgst du langfristig?

TP: Was den Brotberuf betrifft, ist gerade einiges im Umbruch. Als Autorin ist die Website die zentrale Plattform. Ich würde gern mehr machen, habe auch schon grobe Ideen, muss aber noch ein paar innere Hürden überwinden.

CG: Nach gängiger Definition resultiert Authentizität aus einem Sieg des Seins über den Schein. Doch für mich als Unternehmerin ist es nicht immer einfach zu entscheiden, wie weit meine Echtheit auf professioneller Ebene gehen darf. Wie erlebst du diese Auseinandersetzung? Hat Authentizität Grenzen?

Tina Pruschmann mit Schwester GerburgisTP: Das mit dem Sein versus Schein ist mir ehrlich gesagt zu grob. Ich frage mich, was dieses Sein hinter dem Schein sein soll. Man kann seine Rollen im Leben besser oder schlechter spielen, im Sinne von, man kann mit den Erwartungen, die an einen herangetragen werden, souverän oder unsouverän umgehen, Spaß damit haben, gelangweilt oder frustriert, über- oder unterfordert sein. Alles, was Unwohlsein auslöst, lässt sich auf Dauer sicher nur schwer aushalten. Wann aber ist man der, der man wirklich ist, so unverfälscht, nicht durch Erwartungen überformt? Mit Puschen auf dem Sofa vor der Glotze scheint mir eine der wenigen erwartungsfreien Zonen zu sein. Aber ist das ein Referenzpunkt, der etwas über unser Sein aussagt? Ich hoffe nicht. Für mich spricht erst einmal nichts gegen den Schein, gegen das So-tun-als-Ob, gegen die Lust an der Inszenierung, auch nichts gegen das Gefühl von Fremdheit, das das auslösen kann.

CG: Mit Authentizität gehen Begriffe einher wie ….

TP: a. Buzzword, b. Buzzword, c. Buzzword. Der Begriff sollte seine Mörder und Gebieter zurückbekommen.

CG: Was glaubst du: Warum wird Authentizität von vielen Menschen ganz besonders geschätzt?

TP: Ich glaube, in der gegenwärtigen Verwendung des Begriffs drückt sich eine Sehnsucht aus, vertrauen zu können. Die habe ich auch.

CG: Zum Schluss ein Blick in die Kristallkugel: Mit welchen Strategien wirst du in den kommenden Jahren die Aufmerksamkeit der potenziellen Kundinnen und Kunden auf dich ziehen?

TP: Leider bin ich ein wenig strategisch denkender Mensch. Mein Vater hat mal gesagt, dass man alle sieben Jahre was Neues machen sollte. Ich finde, da hat er recht. Ausgenommen sind die Literatur und der Versuch, einen Teil für eine solidarische Gesellschaft beizutragen.

Tina PruschmannTina Pruschmann, 1975 geboren, aufgewachsen in Gera, Leipzigerin. Der Versuch, einen ordentlichen Beruf zu ergreifen, führte sie in Juravorlesungen, an eine Förderschule, in eine psychiatrische Klinik und in das Lehrerzimmer einer Berufsfachschule. Studiert hat sie Soziale Verhaltenswissenschaft und Soziologie. Ihr Debütroman „Lostage“ erschien 2017 im Residenz Verlag. 2019 folgte gemeinsam mit dem Hallenser Fotograf Marco Warmuth der dokumentarische Bild-, Interviewband „gottgewollt“ über das Leben der Schwestern von der heiligen Elisabeth (Mitteldeutscher Verlag). Gegenwärtig arbeitet sie als Projektkoordinatorin und schreibt weiter. www.tinapruschmann.de www.gottgewollt.info

Bildquellen:
Portrait: Copyright Marco Warmuth
Lesung: Moderation einer Lesung mit der Autorin Verena Mermer im Rahmen des Projektes Black Box von Ute Puder. Foto rechtefrei
Gespräch: Im Gespräch mit Schwester Gerburgis für das Buchprojekt „gottgewollt“, Foto Marco Warmuth

* Über Nazis und Serienkiller habe ich im Zusammenhang mit Authentizität auch schon mal geschrieben: https://www.christagoede.de/nachdenken-ueber-authentizitaet/ 

2 Kommentare to “Im Interview – Tina Pruschmann”

  1. Vielen lieben Dank dafür! Ich habe diese Interviewreihe von Anfang an geliebt. Doch es kommt mir so vor, als würde mit Tina Pruschmann jetzt endlich noch ein Gewürz im Regal stehen, das mir bislang regelrecht gefehlt hat. Allerdings: Bevor ich das Interview gelesen habe, hätte ich überhaupt nicht sagen können, WAS mir bisher gefehlt hat …

    Darum: Tina UND diese Reihe sind einfach großartig.

    Maria

einen Kommentar senden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu